Bloody poetry

Beim Poetry-Slam U20 In Frankfurt am 10. Mai dieses Jahres gewann die achtzehnjährige Malvina Ewering den 2. Platz für ihren Text „Schwarzer Boden“. Ihre Wortschöpfung Gedicht zu nennen, wäre übertrieben, denn ein Versmaß fehlt zur Gänze und gereimt wird mehr nach Stimmung; „passt“ auf „hass‘“ und sogar „passiert“ auf „stiiirbt“, aber beim Poetry-Slam geht es, soweit ich weiß, nicht um Talent oder gar germanistische Vorbildung, sondern darum, dass alle sich ausdrücken dürfen und unheimlich kreativ sind.

Der Text der jungen Frau ist Entschuldigung und Anklage zugleich: Um einen männlichen Flüchtling geht es nämlich, der selbst angeblich vom Schleuser vergewaltigt, nun selbst zum Vergewaltiger wird.

„Ich hab‘ mich doch nur in dich verliebt/ Doch Du steckst ihn weiter tief härter in mich rein, dein Glied…“ heißt es in der seltsamen Anklage, die mit einem „Danke, Vergewaltiger!“ endet.

Nun wäre diese Darbietung an und für sich schon schwer zu schlucken – wenn Malvina Ewering nicht schon einer breiten Öffentlichkeit bekannt wäre als die glückliche Vorzeigefreundin eines einsamen syrischen Flüchtlings.

Im Kinderkanal unter dem Titel „Malvina, Diaa und die Liebe“, damals noch ganze Fünfzehn und bis zur Debilität verliebt in den Syrer Diaa, der ihr in seinem unbeholfenen Deutsch unheimlich süße Briefe schrieb. Dass er bereits sein Veto eingelegt hatte, was andere Männerbekanntschaften und Miniröcke anging, war eine andere Sache. Dass er ihr verbot, Schweinefleisch zu essen und ihr anriet, zum Islam zu konvertieren, eine weitere. Dann stellte sich rasch heraus, dass hier ein erwachsener Mann mit dem Segen der Nation und ihrer Medien ein Minderjährige verführt hatte. Darüber hinaus wurde entdeckt, dass Diaa ohnehin vorhatte, ganz Deutschland zum Islam zu bekehren, wie er auf facebook geäußert hatte.

Ein Schwiegersohn also, wie ihn sich Mütter nachts erträumen.

Jeder, aber wirklich jeder, der in der Lage ist, zu googeln, kann heute wissen, was Malvina in der Gesellschaft, aus der Diaa stammt, wert wäre: Eine Hure, eine Schlampe, wertloser als Dreck. Und mit Dreck kann man natürlich machen, was man will. In Syrien hätte praktisch jeder dafür Verständnis.

Kaum war das Video von Malvina Ewerings Poetry-Slam-Auftritt online, als Kika schon zu Protokoll gab, die Autorin berichte hier keinesfalls von selbst erlebten Erfahrungen. Dabei war Kika mehr als still, als ich vor einigen Monaten vorsichtig nachfragte, was denn inzwischen aus dem glücklichen jungen Paar geworden sei. Wünschen würde man es ihr von ganzem Herzen. Aber wer einmal in irgendein beliebiges Mädchenforum geschaut hat, wo die rosagewandeten, Einhorngeschmückten Nymphen von Oralverkehr mit dreizehn und Analverkehr mit fünfzehn berichten, wo sie zum ersten Mal anonym von der Vergewaltigung durch ihre beiden besten Freunde berichten und wo die sexuelle Gewalt so alltäglich ist, dass sie von den jungen Frauen sogar als relativ normal wahrgenommen wird, der wird hier seine berechtigten Zweifel haben müssen.

 

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Tickende Zeitbomben

 

Ein Afghane tötet seine Ex-Freundin mit nicht weniger als siebzig Messerstichen. In einem harmlosen Stuttgarter Wohnviertel wird ein Mann mit einem japanischen Schwert von seinem Mitbewohner regelrecht gemetzelt. In Hamburg wird ein Asylbewerber von einer Frau in einer Bar zurückgewiesen, daraufhin schlägt er sie auf er Toilette tot und setzt sich anschließend wieder an den Tresen, um weiter zu trinken. Nach einem Streit in einer Flüchtlingsunterkunft schlägt ein Eritreer einen Landsmann so schwer, dass dieser an den Verletzungen stirbt.

Und so weiter und so fort. Die Schreckensbilanz von wenigen Tagen.

„Unfassbar“, so liest man immer wieder, unvorstellbar, unerklärlich. Und tatsächlich sucht man immer wieder nach „Motiven“, als gebe es allen Ernstes nachvollziehbare Gründe dafür, einen Menschen wegen einer Nichtigkeit tot zu prügeln. Wir können diese Motivation nicht nachvollziehen, und das ist gut so. In anderen Gesellschaften, in anderen Kulturen in anderen Teilen der Welt ist das zuweilen vollkommen anders.

Und wir sind gezwungen, dass endlich mal zu kapieren.

Als der Psychologe Nicolai Sennels bei seiner Arbeit in Kopenhagener Justizvollzugsanstalten feststellte, dass sich die psychische Struktur von muslimischen Strafgefangenen fundamental von der der nichtmuslimischen unterscheidet, veröffentlichte er die Ergebnisse in seinem Buch „Blandt kriminelle Muslimer“ (Unter kriminellen Muslimen). Erwartungsgemäß stieß er auf Ablehnung und Unverständnis und geriet augenblicklich in den Verdacht, ein „Rassist“ zu sein.

Denn es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf. Was nicht ins Weltbild passt, muss passend gemacht werden. Und wenn die Fakten noch so sehr dagegen sprechen.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam die Soziologin Necla Kelek, als sie für ihr Buch „Die verlorenen Söhne“ türkische Häftlinge interviewte. Ihre Eltern, ihre Familien seien stolz auf sie, sagten viele von den jungen Männern, die wegen Drogenhandel, Gewaltdelikten und anderen Verbrechen langjährige Haftstrafen zu verbüßen hatten.

Und das ist leider nicht gelogen. Sie sind mitnichten gezwungen, sich ihre Biographie schön zu lügen. Muslimische Jungs sind die Prinzen der Familie. Man muss sich nur mal die glitzernden Fantasie-Uniförmchen in den türkischen Geschäften ansehen, mit denen die Jungen am Tag ihrer Mannwerdung, der Vorhautamputation, bekleidet werden. Wer es noch nicht weiß: Vor den Schmerzen der Beschneidung wird den Jungen gern gezielt Angst gemacht. Erstens gilt das als irre lustig und zweitens gehört das dazu: Ein richtiger Mann muss Schmerz aushalten können.

Die muslimische Mutter verhätschelt und verzieht den Knaben nach Strich und Faden und liest ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Seine Bedürfnisse haben Vorrang vor denen der Schwestern, sein Ego wird maßlos überhöht, es werden ihm Fähigkeiten angedichtet, die er gar nicht besitzt, sein Wille geschehe, jetzt und immerdar.

Flüchtlingshelferinnen haben mir berichtet, wie fassungslos sie waren, als sie in den Unterkünften miterleben mussten, wie Mädchen alles verboten wurde, während sich die Jungs aufführen durften wie die Wildsäue. Mütter seien stolz und glücklich gewesen, wenn das Prinzchen Möbel zerstörte, Mädchen beleidigte und drangsalierte, anderen Süßigkeiten und Spielzeug klaute und ihnen obendrein noch die Faust ins Gesicht hieb. Mein Sohn! Wallah, ein richtiger Mann!

So werden die Mini-Paschas zu erwachsenen Männern. Von der psychischen Reife her allerdings sind sie noch Kleinkinder, sie verharren im frühkindlichen Narzissmus und dem Wahn ihrer eigenen Allmächtigkeit.

Klinisch nennt sich diese psychische Störung Narzisstische oder auch Dissoziale Persönlichkeitsstörung. Die Grenze ist fließend. Menschen dieser psychischen Struktur zeichnen sich durch Allmachtsfantasien sowie völlige Unfähigkeit zur Selbstkritik aus, durch mangelnde Impulskontrolle und schnelle Gewaltausbrüche, durch nicht vorhandene Empathiefähigkeit und die Unfähigkeit, irgend etwa anderes wahrzunehmen als die eigenen Bedürfnisse. Eltern von Dreijährigen werden die Symptome sofort wiedererkennen. Der Mörder der fünfzehnjährigen Susanna war dafür ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch.

Tritt in der Welt der Dissozialen Persönlichkeit eine Störung ein, wird diese als fundamentale Bedrohung, als Erschütterung des ganzen Seins empfunden. Den eigenen Willen nicht zu bekommen, ist für den Menschen mit dieser psychischen Struktur schier unerträglich. Gerät ein erwachsener Mensch ohne diese psychische Störung in eine Krise, erfährt er zum Beispiel einen großen Vertrauensbruch, eine persönliche Schädigung, eine emotionale Kränkung wie eine Zurückweisung oder den Verlust des Partners, so kann man davon ausgehen, dass er psychisch so aufgestellt ist, diese Krise aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer zu bewältigen.

Einer Person mit dissozialer Persönlichkeit ist das nicht möglich. Die Störung muss vernichtet werden: Totgeschlagen, totgestochen, totgeschossen. Störung beseitigt, Problem beseitigt.

Was auf uns hochgradig psychisch auffällig wirkt, hat allerdings in anderen Ecken des Planeten jedes Verständnis dieser Welt: So reagiert eben ein richtiger Mann.

Man muss leider davon ausgehen, dass die Mehrheit der jungen Männer, die nach Europa strömen, in diesem Sinne herangewachsen ist. In ihrer Heimat werden die zwischenmenschlichen Probleme nicht mit wie Wackeldackel nickenden Sozialpädagogen in Stuhlkreisrunden gelöst, sondern gern mit Mitteln, die als ehrenvoll, sinn- und identitätsstiftend, positiv und vor allem durch und durch männlich gelten: Mit Gewalt.

Dem noch halbwegs regulierendem Einfluss des Clans, den männlichen Familienmitgliedern, der Umma sind sie hier weitgehend entzogen. Kein Imam droht ihnen mit der Hölle, wenn sie Drogen nehmen, Alkohol konsumieren und Sex mit ungläubigen Frauen haben.

Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes außer Kontrolle. Es sind Abertausende von tickenden Zeitbomben. Nichts und niemand kann verhindern, dass sie hochgehen.

 

 

 

 

 

 

 

„Schatz, wir werden reich!“ von Gideon und Christine Böss

Als einmal eine Bekannte von mir ziemlich trübe aus der Wäsche sah, machte ich den Fehler, sie zu fragen, wo denn der Schuh drücke. Ach, ihre Tochter, die hätte ja wieder so einen Ärger. Riesen-Ärger!

Was für einen Ärger?

Na, sie hätte ja jetzt schon zum zweiten Mal ein Auto gewonnen und wieder Mal weigerte man sich strikt, ihr den Wert des Wagens einfach in Geld auszuzahlen!

Die Tochter, wohlgemerkt, war einst Bikinimodel und hat bei der Arbeit einen Millionär kennengelernt. Ihren jetzigen Mann. Sie muss erfreulicherweise nicht arbeiten und wenn sie sich mal langweilt, was ziemlich oft der Fall ist, macht sie bei Gewinnspielen mit. Und sie gewinnt. Andauernd. Eine Traumreise in die Karibik hat sie auch schon gewonnen. Und mehrere Geldbeträge.

Fortuna ist bekanntlich die antike Glücksgöttin. Diese Bitch muss gleichzeitig PMS, ADHS und Menopausebeschwerden haben. Denn anders ist einfach nicht zu erklären, warum sie auf ihrer goldenen Schicksalskugel bei sorgenfreien Ex-Models wie ein Meteor einschlägt und pausenlos Glück verschüttet, aber wirklich bedürftige Zeitgenossen höhnisch grinsend beiseite kegelt.

Wie das sympathische Paar Gideon und Christine Böss.

Das schließlich auch nur über die Runden kommen will. Bei Künstlern ist das in der Regel nicht so leicht – Tänzer, Karikaturisten, Musiker, Maler, Schriftsteller – wir alle werden oft gefragt: Ja, kann man denn davon leben? Was noch harmlos ist, denn meist wird man gleich gefragt, ob man auch noch einen „richtigen“ Beruf hat. Man wurstelt sich halt so durch. Das ist der Lifestyle der Bohème.

„Schatz, wir werden reich! (vielleicht). Ein Paar und zwanzig Anläufe zum großen Geld“, so heißt das neue Buch der beiden Autoren. Und lädt ein zu einer Glücksritterreise der besonderen Art.

Wie kommt man zu Geld, am besten möglichst ganz viel davon, wenn man in der Ausgangslage keines hat?

Das Ehepaar lässt auf diesem Sektor wirklich nichts unversucht: Pferdewetten (scheinen noch am realistischsten zu sein), Empowerment-Seminare, wo man als „Huhn“ anfängt und als „Adler“ endet, Kunstkäufe, Investment in erneuerbare Energien, ja sogar Schatzsuche! Der Möglichkeiten sind viele, nur einträglich sind sie nicht.

„Ich habe an mehr als zweihundert Preisausschreiben teilgenommen, daraufhin 8943 Mails bekommen und nicht einmal einen Trostpreis erhalten“ resümiert Gideon Böss.

Als das geht runter wie ein kühler halber Liter Rieslingschorle bei 30° und ist amüsant und unterhaltsam wie eine gute Filmkomödie.

„Die kapitalistische Versprechung, dass jeder reich werden kann, führt überraschend schnell von der breiten Hauptstraße auf holprige Seitenstraßen und von da auf unbefestigte Wege, die sich in der Wildnis verlieren“. Leider ja.

 

 

https://www.lovelybooks.de/autor/Gideon-B%C3%B6ss/Schatz-wir-werden-reich-vielleicht-1974346485-w/

Flüchtlingsidyll

„Geschichte wiederholt sich, wenn wir nicht daraus lernen“. Der uns das sagt, ist Hussam Al Zaher, Chefredakteur des Magazins „Flüchtling“ www. Fluechtling-magazin.de und 2017 „Hamburger des Jahres“ im Stadtmagazin „Szene“.

Hussam Al Zaher verließ Syrien 2014, weil er nicht zur Armee eingezogen werden wollte und hielt sich danach ein Jahr in Istanbul auf, was ihn zu einem Auswanderer, nicht aber zu einem Flüchtling macht.

Und was will uns Hussam Al Zaher damit sagen?

Etwa folgendes: Wenn Deutschland weiterhin Waffen in Konfliktgebiete liefert, den „Friedensprozess“ in Nahost nicht unterstützt; wenn Deutschland sich weigert, Schlepperbanden mit Kapitäninnen auf Selbsterfahrungsdampfern im Mittelmeer zu reich zu machen und die Deutschen nicht endlich damit aufhören, sich über Kopftuchtragende Musliminnen aufzuregen, dann wird sich unsere Geschichte wiederholen. Adolf Hitler wird wieder Reichskanzler, von deutschem Boden wird wieder Krieg ausgehen und der FC St. Pauli wird Drittligaletzter.

Das Magazin „Flüchtling“, in einfacher Sprache gehalten, erzählt Erfolgsgeschichten von geflüchteten Menschen (ich lasse das jetzt mal undefiniert so stehen). So wie von Omar, der jeden Tag acht Stunden Deutsch lernt und dann erschöpft ins Bett fällt; von Amman aus Eritrea, der beim lebensrettenden Sprint zum Schlauchboot zwar sein Hochschulzertifikat, nicht aber sein IPhone verloren hat und sogar von einem echten „Republikflüchtling“, denn natürlich sind wir alle ein bisschen Refugee.

Moralisch stark unterstützt wird das Blatt durch den Anzeigenkunden fritz-kola, dem politisch korrektem Zuckergesöff für den guten Deutschen, der zwar seine gesamte Kultur, Mode und Freizeitgestaltung den bösen USA verdankt, aber aus pseudointellektuellen Gründen auf den imperialistisch-monopolkapitalistische Heuschreckentrank Coca-Cola verzichten muss.

Fritz-kola gibt den Geflüchteten auf dem Flaschenetikett ein Gesicht, zum Beispiel dem kleinen Muhi aus Gaza. Muhi leidet an einer unheilbaren Krankheit, um derentwillen er seit vielen Jahren unentgeltlich in einem israelischen Krankenhaus behandelt wird. Damit er nicht so allein ist, darf auch sein Opa mit dabei sein. Warum fritz-kola diesen Fall als besonders dramatische Flüchtlingstragödie aufzeigt, hat sich mir bisher nicht erschlossen.

Im Interview mit der „Szene Hamburg“ äußerte Al Zaher in Bezug auf die im „Flüchtling“ veröffentlichten Interviews völlig wahrheitsgemäß: „Wir stellen immer dieselben Fragen – spannend sind die unterschiedlichen Antworten.“

Spannend wären allerdings eher mal unterschiedliche Fragen. Zum Beispiel, warum mehrere weibliche Refugees erzählen, sie genössen es, endlich Fahrrad fahren und schwimmen gehen zu können. Da kann ich adäquat aushelfen: In den muslimischen Landstrichen dieses Planeten gilt Fahrrad fahren für Mädchen als hochgradig sittenwidrig, da dadurch ja das kostbare Jungfernhäutchen beschädigt werden könnte. Und was das wiederum für das Mädchen für üble Folgen haben könnte, darüber erfahren wir nichts. Auch nicht darüber, warum es für orientalische Frauen in ihrer Heimat fast unmöglich ist, mal irgendwo in Ruhe im Badeanzug schwimmen zu gehen.

Die Antwort ist die gleiche: Die Ehre der Umma, des Clans, der Familie, vor allem aber die Ehre der Männer stünde auf dem Spiel. Oder warum fragt man Omar und Amman nicht mal, was sie davon halten würden, wenn ihre Schwestern mit vierzehn Jahren die Pille nehmen und mit dem Sexualpartner ihrer Wahl schlafen dürften, so wie deutsche Mädchen? Wenn ich jetzt ganz böse wäre, würde ich schlicht behaupten: Man tut das aus gutem Grund nicht, weil man das kuchengute Flüchtlingsidyll nicht zerstören darf.

Das Cover von „Flüchtling“ ziert eine glücklich syrische Kleinfamilie. Die Frau trägt ein Kopftuch. Das ist immer gut, das Kopftuch. Bunt ist immer da, wo die Frauen verschleiert sind. Fürchterlich, was diese deutschen Weiber Kopftuchtragenden Frauen immer für „dumme Fragen“ stellen! Aber immerhin, die blöden Deutschen sind lernfähig: „Im Winter sagen sie, sie wollen auch ein Kopftuch!“, konstatieren zwei syrische Schwestern im Interview. Na bitte, geht doch. Vielfalt ist immer da, wo Frauen Menschen zweiter Klasse sind.

1986 rief der Deutsche Gewerkschaftsbund die Aktion „Mach meinen Kumpel nicht an!“ ins Leben. Es sollte eine Aktion gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sein. Doch damals gab es tatsächlich noch den einen oder andere Linken, der sich der uneingeschränkt verordneten Solidarität schlicht verweigerte. So hieß es damals aus taz-Kreisen: Ein Typ, der seine Frau und Kinder schlecht behandelt, ist nicht mein Kumpel.

Von den heutigen Linken, die Marx von Murks nicht unterscheiden können, kann man so viel gezielte Reflexion und Kritikfähigkeit nicht mehr erwarten. Der Grund dafür liegt in den neulinken Kardinaluntugenden Feigheit, Blödheit, Ignoranz und Toleranzbesoffenheit. Das Kopftuch ist toll, bunt, emanzipatorisch und vielfältig. Punkt.

Wenn ich jetzt im Hochsommer diese muslimischen Pärchen auf der Straße sehe, wo Er als europäischer, weltoffener Hipster in Shorts, Hilfiger-Shirt, Sandalen und Ray-Ban herumstolziert, während Sie unter fünf Meter billigem schwarzem Nylon dem Hitzschlag ausgesetzt wird, dann möchte ich als gute Alt-Linke dem Mann eigentlich nur noch ganz politisch unkorrekt einen großen Ziegelstein in die Fresse hauen.

Ich darf sowas sagen, ich komme aus der Arbeiterklasse. Bei uns Proleten wird Klartext geredet. Und, um es mal ganz offen zu sagen: Von unsolidarischen Handaufhaltern halten wir genauso wenig wie von Monopolkapitalisten.

Enjoy your daily gangbang

Am 1. Juli wird in Hamburg eine junge Frau am U-Bahnhof Hagenbecks Tierpark von drei Männern attackiert. Es gelingt ihr, sich durch gekonnte Gegenwehr zu verteidigen und die Männer in die Flucht zu schlagen.

Ein paar Tage zuvor wird eine deutsche Urlauberin auf Mallorca von einer Gruppe junger Männer in einem Hotelzimmer vergewaltigt. Deutsche Medien bezeichnen die Täter als „Deutsche Urlauber“, die deutsche Online-Ausgabe der türkischen „Hürriyet“ ist da schon präziser:

Es handelt sich bei ihnen um Männer mit deutschem Pass und türkischem Migrationshintergrund.

Am 04. Juli fährt ein Vater seine sechzehnjährige Tochter mit seinem Auto an und zerrt sie an den Haaren hinein. Er war nicht mit dem Freund einverstanden, mit dem sie unterwegs war.

Am 05. Juli wird eine junge Frau in Mülheim an der Ruhr von einer Gruppe von Kindern gewaltsam unter Drogen gesetzt und gemeinschaftlich vergewaltigt.

Am 07. Juli wird in Burghausen eine junge Frau auf dem Heimweg angegriffen und vergewaltigt.

Und der Monat hat gerade erst angefangen.

Unerträgliche, brutalste Gewalt gegen Frauen, gegen ihre sexuelle Selbstbestimmung, gegen ihre körperliche Unversehrtheit, gegen ihre Psyche und ihr Selbstbewusstsein.

Und wie immer sind alle fassungslos, können sich das nicht erklären, zucken mit den Schultern und wissen es ja auch nicht.

Dabei ist es wirklich ganz einfach. Gewalt gegen Frauen, besonders sexuelle, gehört zu unserer Kultur.

Es mag peinlich sein, das zugeben zu müssen, doch es ist so. Immer noch und trotz aller Bemühungen. Dass die Frau das Recht hat, über ihre Sexualität selbst zu bestimmen, haben wir erst seit ein paar Jahrzehnten begriffen. Und eigentlich geht das ja so auch nicht, und eine Frau, die selbstbestimmt ihre Sexualität auslebt, gilt natürlich auch bei uns immer noch als „Schlampe“.

Das war schon in meiner Jugend so und hat sich kaum dadurch wesentlich gebessert, dass Mädchen heute schon mit vierzehn die Pille ohne Erlaubnis der Eltern nehmen können. Auch nicht wirklich dadurch, dass es Eltern gibt, die es unterstützen, wenn die Tochter sich für den Flüchtlingsfreund prostituiert, den armen. Oder dass es Eltern gibt, die der Tochter den Aufenthalt bei einem Marokkaner in seiner Heimat finanzieren, einem Mann, den das Mädchen noch außer über Skype nie in seinem Leben gesehen hat. Ich habe mir diese Geschichten nicht ausgedacht, aber ich wünschte wirklich, es wäre so.

Eine Sache allerdings hat sich erheblich verändert:

Wie sehr Sexualität mit Gewalt und Verachtung gegenüber Frauen verknüpft ist, lernt man heutzutage schon im Kindesalter aus den problemlos verfügbaren Pornofilmen. Dort wird nicht nur ein völlig verqueres Bild weiblichen Sexualempfindens vermittelt, dass mit der Realität nicht das geringste zu tun hat, dort wird auch ständig suggeriert, Praktiken, die mit möglichst viel Schmerzen und Demütigungen für Frauen verbunden sind, bereiteten Frauen Spaß. Da werden Frauenkörper angepisst, bis die Pornodarstellerinnen gezwungen sind, die Reizwäsche auszuwringen, da werden Frauen hinterrücks von zig Männern penetriert, da wird Frauen die Faust in den Anus gerammt, da wird Frauen von zig Männern Sperma in die Augen gespritzt.

Welch hanebüchener Blödsinn es ist, zu behaupten, Pornodarstellerin liebten das, was sie tun, seien keinerlei Zwängen ausgesetzt und bekämen auf diese Art an leicht verdientes Geld, begreift man spätestens, wenn man die nackte Angst in den Augen der Darstellerin sieht, als sie zu hören bekommt, es seien über hundert Männer da. Wer glaubt, es gebe bei Pornodrehs keine Gewalt, muss nur mal hören, wie der Produzent die demütig vornübergebeugte Frau beim Pornodreh anherrscht, sie solle mal „keine Zicken“ machen. Und das ist ein Produzent, dessen Arbeit gerade live für das Fernsehen dokumentiert wird und der sich im Verborgenen erstrecht keine Zwänge antun wird.

Besonders tragisch ist, dass Kinder jederzeit an dieses Material herankommen. Noch tragischer ist, dass sie daraus für das Leben lernen. Am tragischsten ist, dass diese umfassende Pornographisierung den Blick auf den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität entscheidend verändert hat. Männer und Frauen denken, so sei Sex, so müsse es sein, solche Praktiken müsse man anwenden.

In Internetforen erzählen weibliche Kinder ganz stolz, sie hätten Sperma mit 13 zum ersten Mal im Mund, mit 14 zum ersten Mal in der Vagina, mit 15 zum ersten Mal im Anus gehabt. Leider denken nicht nur Jungs, so sei weibliche Sexualität. So denken auch Mädchen. Sie führen sexuelle Praktiken aus, die sie für Sex halten, aber weder erfahren sie dabei ihren Körper noch irgendetwas, was annähernd mit Lust zu tun hat.

Das ist die eine Seite der Medaille. Nun stelle man sich das Ganze noch hoch zehn potenziert durch eine archaische Machokultur vor, in der die Ehre der Umma, des Clans, der Familie und der Männer einzig und allein dadurch bestimmt wird, dass Frauen nicht selbst über ihren Körper verfügen dürfen. Man stelle sich vor, dass Menschen mit dieser Sozialisation in Gegenden der Welt verpflanzt werden, wo ihre Auffassung nicht der Fall ist. Wo Frauen selbst entscheiden können, mit wem sie Sex haben und mit wem nicht. Diese Frauen sind nichts als ehrlose Schlampen, nicht schade drum, bitteschön, bedient euch!

Wie sehr sich meine Einschätzung von der alltäglichen Selbstverständlichkeit sexueller Gewalt gegenüber Frauen bestätigt, wie sehr man den Tätern Verständnis und liebevollste Hilfe entgegenzubringen weiß und wie wenig die Befindlichkeit der Schlampe interessiert, zeigt sich exemplarisch in der „Aktuellen Stunde“ des WDR, wo man über den schockierenden Fall der Gruppenvergewaltigung einer Achtzehnjährigen durch männliche Kinder in Mülheim berichtet.

Die erste Frage: Was geschieht nun mit den Jungs? Also mit den Tätern, selbstverständlich. Fürs erste gibt’s schulfrei, einer ist in Haft, die Familien sind an Nachfragen durch Behörden völlig uninteressiert, ein Fachanwalt für Strafrecht meint, in dem Alter könne man die Werte noch überhaupt nicht verstehen, um die es geht, Strafen und Einsperren bringe sowieso nichts und natürlich bestätigt der Psychologe, die Täter hätten alle weder Respekt noch Liebe erfahren.

Aber es gibt auch noch gute Nachrichten: Nach über sechs Minuten gibt die Moderatorin, wenn auch widerstrebend zu, man müsse sich ja notgedrungen auch mal mit dem Opfer beschäftigen. Als Kompetenzträger sagt ein Psychologe wörtlich: „…sie wird ein anderes Leben führen, aber das muss nicht schlechter sein, nur anders.“

Das Opfer wird zur Vergewaltigungserlebenden. Wer weiß, wofür es gut ist. Schlecht muss es ja nicht unbedingt gewesen sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kennst du das Land

Italien, das Land, „wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn“, versetzte bekanntlich nicht nur Goethe und Heine in wahre Glückstaumel von Entzücken und Lebenslust. Es gilt seit den Fünfzigerjahren als DAS Sehnsuchtsland der Deutschen. Doch nichts bleibt, wie es ist, längst hat der Discount-Tourismus dem italienischen Fremdenverkehr das Wasser abgegraben. Warum sich zwei Tage durch endlose Staus nach Italien quälen, wenn man für ein paar hundert Euro Hurghada all inclusive buchen kann?

Dass die oberitalienischen Seen, wie der Lago Maggiore, einst der sommerliche Tummelplatz der Reichen und Schönen war, sieht man heute noch an den vielen Belle-Epoque-Villen rund herum, herrlich verspielten Jugendstilbauten, deren exzentrische Besitzer oft fantastische Gartenanlagen ihr eigen nannten, in denen botanische Raritäten wie Mammutbäume noch heute schwindelerregend in den Himmel ragen. Damals war die Sommerreise noch eine Unternehmung, die wochenlange Vorbereitung und sorgfältigste Planung erforderte. Schließlich verließ man Turin oder Mailand für acht Wochen, um sich mitsamt Kind und Kegel, Sack und Pack, Diener, Hausmädchen, Chauffeur und Nannies bis auf weiteres am Lago zu tummeln.

Aber auch heute muss es noch Tausende geben, die es sich leisten können, für mehrere Millionen Euro ein nobles Anwesen am See zu bauen und sich dort so gut wie nie aufzuhalten. Es erstaunt, wie wenig Leben in dicht bebauten Gebieten herrscht, und im Winter, wenn auch der letzte Tourist verschwunden ist, sind die Städte und Dörfer an den Seen nicht selten wie ausgestorben. Dann ist das Seengebiet wieder das, was es ist: Norditalienische Provinz.

Nicht nur Schlemmer, Opernfans und Sonnenanbeter kommen in Italien auf ihre Kosten. Es ist das ultimative El Dorado, das gelobte Land des Hobbyhistorikers. Wer ein Gefühl für Ewigkeit, für Kontinuität und die elementaren menschlichen Umtriebe finden will, der schlendere nur mal durch italienische Altstadtkerne wie die von Bergamo oder Como.

Man kann dies tun in der Gewissheit, dass hier schon Kelten und Römer, Langobarden und Hunnen, Guelfen und Ghibellinen exakt dasselbe taten. Die Geschäftsstraßen von einst haben im Laufe der Jahrtausende nicht einmal den Ort gewechselt. Gern stelle ich mir vor, wie in den Gässchen römische Bürger flanierten, die Auslagen der Stoff- und Gewürzhändler, der Ölverkäufer, der Fleischer, Bäcker und Weinhändler begutachteten, wie hier Kinder und Hunde lärmend umherschossen. Garküchen brutzelten verlockend, denn das Streetfood ist Jahrtausende alt. In den römischen Mietskasernen, den „Insulae“, gab es weder Bad noch Küche. Für die Körperpflege besuchte man die staatlichen Thermen, die Notdurft wurde in öffentlichen Bedürfnisanstalten erledigt, und zwar, wie ich einmal im israelischen Beit Shean herausfand, auf äußerst komfortablen Marmorsitzen. Öffentlich im wahrsten Sinne: Man war bei diesem Geschäft immer in Gesellschaft von Fremden, ebenso wie beim Essen.

Bestimmt gab es reichlich Fleisch vom Grill, mit Öl bestrichen und mit den lokalen Gewürzen wie Salbei und Rosmarin kräftig abgeschmeckt. Im Winter gab es sicher sättigende Eintöpfe und Suppen. Wenn man in italienischen Haushaltswarengeschäften die riesigen, sündhaft teuren Kupferkessel erblickt und die sichelartigen Gartenmacheten, hat man ohnehin das Gefühl, seit Asterix sei kein Tag vergangen.

Wie kann große Historie nur so selbstverständlich sein? Selbst das Straßennetz der Altstadt von Como ist immer noch in dem praktischen Schachbrettmuster angeordnet, dass die Römer einst für ihr Militärlager Comum ganz funktional eingerichtet haben. Dreihundert Jahre alte Haustüren sind hier gar nichts Besonderes und in den zahllosen Dörfern um die Seen stehen etliche, aus grauem Felsgestein errichtete romanische Kirchen, oft an die tausend Jahre alt, mit reizend roh zurechtgehauenen kleinen Säulchen geschmückt. Barocke Palazzi reihen sich an klassizistische Bauten des neunzehnten Jahrhunderts, die Brunnen aus dem Mittelalter spenden Wasser wie eh und je, das gotische Rathaus sieht aus, als sei es erst vor ein paar Monaten fertig geworden.

Die relative Armut, der die Region zeitweilig oblag, wurde hier zum Gewinner: Um Stadtmauern zu schleifen und stattdessen mehrspurige Straßen oder weitläufige Grünanlagen anzulegen, brauchte man zunächst Geld. Sehr viel Geld, bevor man Klöster schleifen und halbverfallene Palazzi abreißen konnte. War selbiges nichts vorhanden, war man eben gezwungen, sich weiterhin mit dem zu behelfen, was man hatte. Zum Beispiel mit dem Rathaus, das im elften Jahrhundert entstand. Oder der Apothekeneinrichtung, die um 1800 vom Gründer angeschafft wurde und heute noch so selbstverständlich benutzt wird, als sei das irgendwie ganz normal.

So wundert es auch nicht, dass die älteste Apotheke der Welt in Florenz zu finden ist. Die Farmacia di Santa Maria Novella begann ihr Start-Up mit dem Verkauf eines Rosenwassers im Schreckensjahr 1348. Dessen Heilwirkung auf die Pestkranken war allerdings eher symbolischer Natur. Was der Farmacia keinen Abbruch tat: Heute betrieben als Luxusparfümerie, in den Räumen des mittelalterlichen Klosters mit der – selbstverständlich! – original barocken Einrichtung, ist sie ein florierender Betrieb, dessen Produkte von unübertroffener Qualität sind. Ich selbst habe dort eine Patchouli-Seife für 16 € erstanden, die bis zum letzten Rest cremig aufschäumte und himmlischen Duft verbreitete. Auch kann sich die Farmacia rühmen, ein Duftwasser für Katharina de Medicis kreiert zu haben, französische Königinmutter und Regisseurin des Blutbades an den Hugenotten in der infamen Bartholomäusnacht. Das Parfüm ist selbstverständlich immer noch im Sortiment und die Franzosen nehmen es der blutigen Katharina heute noch übel, dass sie ihre Florentiner Köche mitbrachte und so den Grundstock für den großartigen Ruf der französischen Küche legte.

Natürlich hat all das viel mit Lokalpatriotismus und Traditionspflege zu tun, aber der Italiener ist durch und durch pragmatisch und sieht nicht ein, etwas zu verändern oder zu verbessern, was ohnehin perfekt ist. Das gilt insbesondere für die italienische Küche. So gut wie bei Mamma schmeckt sowieso nichts und wer einst auszog, die Italiener das Kochen zu lehren, so wie Jamie Oliver, konnte sein blaues Wunder erleben. Bockbeinig beharren die Dorftraditionalisten auf die einzig wahre Zubereitungsart für Pasta mit Tomatensoße, alles andere ist Murks und gut für Touristen. Und so isst man seit Jahrhunderten im Norden Polenta und Risotto, in Venedig Trippa alla Venezia und Sarde in Saòr, in der Toskana die dicken Pici mit Sugo und in Neapel Spaghetti. Tradition ist in Italien kein aufgeblähter Selbstzweck, sondern Lebenskunst. Und eine so schöne noch dazu.

Betreutes Pinkeln

Liebe schulstreikenden, freitagsdemonstrierenden, klimaschützenden Kinderaktivisten! https://www.focus.de/regional/frankfurt-am-main/klima-vierte-freitagsdemonstration-gegen-klimawandel_id_10264613.html

Ja, ich verzichte ganz bewusst auf das große „I“ und das Gendersternchen. Schon allein deswegen, um mich überdeutlich und bewusst abzugrenzen und mich als das zu outen, was ich bin, nämlich eine in euren Augen uralte Frau aus einer anderen Zeit, die keinen Durchblick hat und der der Kalk schon aus der Hose rieselt. Ich möchte Euch eine kleine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Ihr könnt sie anschließend gern wieder vergessen und nächsten Freitag wieder zur Klimaschutzdemo gehen. Null Problemo, wie ALF gesagt hätte – einer der herausragenden Intellektuellen der Achtzigerjahre, dem wir auch das schöne Bonmot „Traditionen sind wie Teller – gemacht, um in Stücke zu gehen“ verdanken.

Ihr müsst jetzt mal ganz stark sein: Die Zeiten, die ihr gerade erlebt, die waren nicht immer so sorgenfrei, rundumbetreut, Pädagogengesteuert, digital vernetzt und finanziell grundsaniert, wie es heute für euch selbstverständlich ist.

Vielleicht seid ihr gerade erst aufs Gymnasium gekommen. Vielleicht macht ihr in einem Jahr das Abitur? Gut so! Habe ich auch mal gemacht, 1982, wenn ich mich nicht irre. Demonstriert habe ich auch oft. Damals wurden Demonstrationen gegen Atomkraftwerke, gegen die Hochrüstung und die Stationierung von Mittelstreckenraketen nicht unbedingt in der Tagesschau erwähnt; wenn überhaupt, dann wurden die Anzahl der Demonstranten krude heruntergelogen und die Demoteilnehmer möglichst als abschreckendes Beispiel für die Verkommenheit der faulen Jugend dargestellt. Das man uns öffentlich hochjubeln würde, weil wir ein simples demokratisches Grundrecht wahrnahmen, wäre uns nie in den Sinn gekommen. Gewollt hätten wir’s schon gar nicht. Lob von der CDU-dominierten Regierung? Da wäre man als guter Linker schamrot geworden.

Gut, ich will euch nicht den Schlaf rauben, aber meine Generation ist eben ganz, ganz anders groß geworden als eure. Wir saßen ab drei Jahren mittags eine halbe Stunde ruhig am Tisch wie alle anderen Familienmitglieder und lernten, mit Messer und Gabel das zu essen, was alle aßen, Grützwurst zum Beispiel oder grätenstarrende Fische mit Kopf und Glubschaugen. Es wurde jeden Tag frisch gekocht, Reste wurden wiederverwertet, Fertigmenüs waren ungekannt. Der erste Pizzaservice tauchte erst 1988 in Hamburg auf. Essen bringen ließen sich nur sehr alte oder schwerkranke Menschen. Essen To Go gab es nicht, außer mal einer Tüte Pommes, und die auch nur zu ganz besonderen Anlässen wie der Eins in Englisch. Die Mütter schmierten ihrer Brut noch Pausenbrote und gaben ihnen mitnichten Bares mit, damit sie sich in der Unterrichtsfreien Zeit bei Mc Donald’s oder Starbucks Coffee den Bauch vollschlagen konnten. Beides gab es nämlich noch nicht, und leisten können hätte sich das eine normale Familie auch gar nicht.

Nicht jeder hatte den Komfort einer Zentralheizung, kalt war es oft im Kinderzimmer, da half nur, noch einen Pulli mehr anzuziehen und wild herumzutoben. Die tägliche Dusche war völlig unbekannt, gebadet wurde nur einmal pro Woche samstags. Der typische Duft des Samstagabend war ein Mischaroma aus Badewasser und dem frisch gebackenen Sonntagskuchen. Ganz recht, es gab nur sonntags Kuchen und mitnichten aus der Tiefkühltruhe.

Wir mussten von der ersten Klasse an den Schulgang zu Fuß bewältigen, oft mehrere Kilometer. Nur bei sehr schlechtem Wetter gab es mal eine Busfahrkarte. Die kostete bei meiner Einschulung 30 Pfennig. Wir mussten nicht nur zur Schule zu Fuß gehen, sondern auch zum Sportverein, zum Zahnarzt, zum Kindergottesdienst, zu Kindergeburtstagen. Die fielen übrigens schlicht aus: Gefeiert wurde in der Wohnung oder, wenn gutes Wetter war, im Garten. Das Unterhaltungsprogramm bestand aus Topfschlagen, Blinde Kuh, Stille Post, Streitereien, Ratespielen und von den Müttern schleunigst auseinandergebrachten Prügeleien. Dazu gab es Kakao, Kuchen und Kekse, und gegen Abend, bevor wir satt, müde und glücklich nachhause wankten, Kartoffelsalat und Würstchen.

Man fuhr mit dem Fahrrad – falls eins vorhanden war. Unseren Eltern wäre es nicht im Traum eingefallen, uns überall hin zu kutschieren, solange wir zwei gesunde Beine hatten. Es wäre auch gar nicht gegangen, denn wer sich überhaupt ein Auto leisten konnte, benutzte es, um als Hauptversorgender Familienvater damit zu Arbeit zu fahren. Das Innere des Autos sahen wir vielleicht mal am Sonntag, wenn man hinaus ins Grüne fuhr.

Wollten wir Kontakt mit Freunden und Mitschülern, mussten wir hingehen und klingeln. Völlig ohne facebook, Instagram, Twitter oder Whatsapp. Telefonieren ging nur mit ausdrücklicher Erlaubnis – und schon gar nicht aus nichtigen Anlässen. Nach dem Mittagessen machten wir allein und ohne jede elterliche Hilfe unsere Schularbeiten. Und dann verschwanden wir für Stunden „nach draußen“, um mit anderen Kindern zu spielen, zu toben, zu streiten. Allein, weit weg von den Eltern, unbeobachtet, ohne jede pädagogische Anleitung und ohne Unterhaltungselektronik. Im Fernsehen, das ganze drei Programme umfasste, die etwa von 12:00 Uhr mittags bis 1:00 Uhr nachts liefen, gab es ohnehin nur eine halbe Stunde Kinderprogramm, und wer die an einem helllichten, sonnigen Tag dem Schwimmbad oder Bolzplatz vorzog, galt als Psychopath. Dabei erzogen wir uns besten gegenseitig und wie von selbst. Geizhälse, Schläger und Betrüger sahen sich nämlich schnell isoliert und gewöhnten sich so ihre Unarten wie von selbst ab.

Wie wir aussahen und was wir anhatten, war uns relativ egal. Hauptsache, die Klamotten waren robust und man konnte sie auch mal dreckig machen. Bei zwei oder drei Kindern pro Familie war Kleidung ein großer Kostenfaktor. Wir mussten die Sachen von Brüdern, Schwestern und Kusinen auftragen, da gab es nichts. Als wir so langsam in die Pubertät kamen, wurde das ein Problem. Eine funkelnagelneue Levi’s kostete 50 oder 60 Mark. Daher gab es auch nur eine pro Jahr. Mode für „Teens“, wie man damals sagte, wurde noch in Deutschland produziert und nicht in Südostasien und kostete ein Vermögen. Für ein neues Sommerkleid musste man wochenlang jammern. Wir konnten eben nicht mal schnell mit ein bisschen Taschengeld zu H&M, Tally Weijl oder ähnlichen Sweatshop-Billig-Klamottenherstellern gehen und uns für praktisch kein Geld modisch auf den neusten Stand bringen. Und wir mussten immer damit rechnen, dass ein neues Kleidungsstück Jahrelang getragen werden musste. Was wir auch taten.

Führerschein und das erste Auto zum Abitur oder dem achtzehnten Geburtstag? Nur ganz wenige durften das erleben. Die große Reise, die wir antraten, sobald die Aula vom Erbrochenen des Abiballs gesäubert war, erfolgte für ein paar schlappe Wochen mit dem einzigen Transportmittel, das sich die meisten von uns leisten konnten, denn Flugreisen waren völlig unerschwinglich. Es nannte sich Interrail, war eine verbilligtes Dauerticket für die Sommermonate und gab Menschen unter 26 die Möglichkeit, superbillig mit der Bahn durch Europa zu reisen. Billig war allerdings auch das Synonym für den kleinstmöglichen Komfort. Sechs Stunden Geratter und Geschüttel mit Gangplatz, zwei Tage ohne Waschgelegenheit oder Schlafmöglichkeit, das gehörte dazu. Das war Abenteuer pur. Hauptsache man kam dorthin, wo man hinwollte. In den Loggien von Florenz, auf dem Montmartre oder den Ramblas von Barcelona war all der Stress ganz schnell vergessen. Und wir waren telefonisch nicht für die nervigen Eltern erreichbar. Wie schön.

Work and Travel gab es nicht. Nachdem die zwei bis vier Schönen Wochen vorbei waren, ging es mit Work los. Oder mit dem Studium. Wir schafften die Immatrikulation und Studienberatung sogar ganz ohne Muttis Hilfe, und Papi hatte uns auch nicht den Antrag auf Befreiung von der Wehrpflicht geschrieben. Wir konnten das alles ganz allein, wir brauchten nicht einmal das betreute Pinkeln, dessen schamrote Zeugin ich ständig in der Öffentlichkeit gezwungen zu sein bin.

Nicht, dass ich Euch das alles nicht von Herzen gönnen würde. Im Gegenteil. Ich finde es wunderbar, dass es euch heute so gut geht. Ich weiß, ich bin grün vor lauter Neid. Aber, ihr Süßen: wo wir gerade bei grün sind: Es gab unter uns Menschen, die es ganz genau wissen wollten. Sie nannten sich Aussteiger. Sie gründeten Landkommunen in Schleswig-Holstein oder brachten alte Weingüter in der Toskana wieder in Schuss und so entstanden die ersten mehrheitlich belächelten Biohöfe. Dass ihr nichts lieber wollt, als zu unserem nachhaltigen Lebensstil zurückzukehren, davon gehe ich jetzt mal aus. Dann reden wir wieder von der Rettung der Welt von den Schäden, die wir dort verursacht haben sollen. Gute Nacht liebe Kinder. Schlaft schön!