Anal, oral, vaginal

 

 

Drei Piktogramme: Eine männliche Figur, die hinter einer weiblichen kniet und diese an den Hüften festhält. Darunter steht: Anal. Eine weibliche Figur, die vor einer männlichen kniet, den Kopf in Schritthöhe. Darunter steht: Oral. Eine weibliche Figur, die auf dem Rücken liegt, die Beine über den Schultern der männlichen. Darunter steht: Vaginal.

Und über den drei Piktogrammen: Hier herrscht Kondompflicht!

Hätte die Tür heute nicht sperrangelweit aufgestanden, hätte ich nie die Tafel mit den drei Piktogrammen gesehen. Und so nicht bemerkt, dass ich in meiner Nachbarschaft schon tausend Mal an einem Bordellbetrieb vorbeigekommen bin.

Seit einem Jahrzehnt wird die Zahl der Männer, die an einem Tag in Deutschland eine Prostituierte aufsuchen auf 1 bis 1,2 Millionen geschätzt. Kann gar nicht sein, hört man oft genug. Besonders von Männern. Männer kennen in der Regel keine anderen Männer, die ins Bordell gehen. Der Freier, das unbekannte Wesen. Im Puff bei mir um die Ecke gibt es sie jedenfalls. In der Regel tagsüber. Ein bildhübscher junger Mann verlässt ihn gerade. Hat er das nötig? Ja, hat er wohl. Anal, oral, vaginal?

Ein andermal ein Mittfünfziger mit Bauch und Glatze. Er will wissen, ob Tina da ist. Anal, oral oder vaginal?

Sehr viele Prostituierte haben sogenannte Stammfreier. Sehr viele Prostituierte berichten davon, dass Stammfreier das Warenverhältnis bis zur Schizophrenie verkennen und darauf drängen, die Prostituierte auch privat treffen zu dürfen, ganz harmlos, ohne Sex, nur zum Spazierengehen oder Eis essen.  Und sind entsetzt, schockiert, am Boden zerstört, wenn die Prostituierte Nein sagt. Oder: O.K., aber selbstverständlich nur gegen Bezahlung. Kaufen Männer eben doch die ganze Frau und nicht nur anal, oral oder vaginal?

Natürlich können die meisten Freier nicht zugeben, Freier zu sein. Nicht einmal vor sich selbst. Und mit Fremdgehen, mit Betrug an der Partnerin hat es schon gar nichts zu tun. Man könne der Partnerin ja sagen, man ginge zur Massage. Sowas kann man in Männermagazinen lesen. Das ist die Logik von Kleinkindern, die glauben, es sei in Ordnung, an das Keksglas zu gehen – solange Mutti es nicht mitkriegt. Ehemalige Prostituierte berichten, dass nach ihrer Schätzung etwa sechzig bis siebzig Prozent ihrer Kunden in festen Beziehungen leben. Jede Prostituierte kennt daher ihre Rechtfertigungssermone auswendig:

Ich finde das ja auch nicht gut, aber was soll ich denn machen. Meine Frau ist schwanger. Meine Frau ist nach der Schwangerschaft total aus dem Leim gegangen. Früher war sie so schlank und sexy. Meine Frau interessiert sich kaum noch für Sex, seit die Kinder da sind. Meine Frau mag nun mal nicht anal penetriert und gleichzeitig gewürgt werden, die ist da halt ziemlich verklemmt.

Deshalb gehen sie zu Prostituierten.

In den sozialen Netzwerken wird in letzter Zeit immer öfter und immer heftiger die Einführung des „Nordischen Modells“ diskutiert.

Auch dort reden grundsätzlich keine Freier mit. Im Gegenteil, die Diskutanten sind ausschließlich selbstlose Gutmenschen, denen vor allem die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen am Herzen liegt. Also der Frauen, die sich sexuell dahingehend selbst bestimmen, dass sie sich freiwillig prostituieren. Die könne man doch nicht in die Illegalität abdrängen! Da seien sie doch nicht geschützt! Und überhaupt: Wer soll die armen Behinderten dann sexuell befriedigen?

Das ist die klassische Freierargumentation gegen das Nordische Modell.

Wären sie ehrlich, dann würden sie sagen: Verdammt, ich bin ein Kerl, und wir haben nun mal einen wahnsinnig starken Sexualtrieb, und der muss befriedigt werden, und dafür müssen Frauen zur Verfügung stehen, denn sonst explodieren uns die Eier oder wir müssen leider losgehen und Frauen vergewaltigen.

Warum sagt das nie einer? Warum versteckt man sich hinter den Behinderten? Einesteils natürlich aus Behindertenfeindlichkeit. Denn dass Behinderte automatisch unfähig seien, ein Sexualleben zu haben, ist nichts als ein behindertenfeindliches Vorurteil. Andererseits natürlich aus Feigheit.

Aber Gemach. Sie reden durchaus auch mal Klartext. Natürlich nicht in den sozialen Netzwerken. Dafür aber in den Freierforen. Dort bewerten sie Prostituierte, geben Empfehlungen ab und schildern ihre Puff-Heldentaten. Ich schätze die Freierforen. Vor allem als Soziologin, die weiß, dass Probanden in der offenen Interviewsituation ständig lügen. Anonym im Forum hat das niemand mehr nötig, und, wie schon Goethe seinen weisen Mephistopheles in Faust sagen ließ: „Gib nur erst acht, die Bestialität/ Wird sich gar herrlich offenbaren.“

So bei Freier LLCool:

„Ich komme jetzt in deinen Mund – kurzer fragender Blick. Ich ficke sie oral mit kurzen Stössen. Bitte Bescheid sagen sonst schlucke ich alles. Wieder vor das Bett gestellt, da hat sie einen besseren Winkel um es zu kontrollieren. Und der Orgasmus rollt an, jetzt muss sie den Tribut zollen und ich fülle Ihr den Mund. No mercy, kein Zurückziehen. Boom, sie rauscht zum Whirlpool, spuckt die Nachkommen rein und lächelt. Ich hätte fast gekotzt so viel war das. Jetzt grinse ich. Bedanke mich, Küsschen.“

Muss man das kommentieren? Ich glaube nicht.

Warum machen Männer sowas, und warum schreiben sie es obendrein noch auf? Na, weil sie es können und weil sie es dürfen. Prostitution ist eine ganz, ganz wunderbare Sache und irgendwie schaffen Freier es auch immer grundsätzlich und unter allen Umständen, sich die Prostituierten herauszupicken die absolut freiwillig und selbstbestimmt arbeiten, die „ihr Hobby zum Beruf gemacht haben“, wie die ehemalige Prostituierte Huschke Mau, jetzt Aktivistin zur Abschaffung von Prostitution und Durchsetzung des Nordischen Modells, oft genug erlebt hat. Sie berichtet auch, dass Freier selbstverständlich wissen, in welcher Zwangslage die meisten Prostituierten arbeiten; wissen, dass nebenan der Zuhälter sitzt und abkassiert; sie wundern sich sogar sehr, wenn die Prostituierte gar keinen „Chef“ hat. Sie wissen es, und es ist ihnen egal.

Ich hatte siebzehn Jahre lang ein Tanzstudio neben der Hamburger Reeperbahn. Ich hatte immer wieder ehemalige und aktive Prostituierte unter meinen Schülerinnen. Jede einzelne prostituierte sich freiwillig. Eine, um auf diesem Wege freiwillig die Schulden abzuackern, die ihr flüchtiger Exmann hinterlassen hatte. Eine, weil sie in diesem Bereich seit über zehn Jahren arbeitete und sich keine Perspektive mehr bot als Sozialleistungen. Wo sollte sie sich bewerben, mit „1995-2005 Prostituierte in einem Hamburger Laufhaus“ im Lebenslauf? Eine dritte prostituierte sich freiwillig für den „Loverboy“ aus dem Libanon, dem Armen, der hier niemanden hatte und der so hoch verschuldet war. Früher hieß das schlicht Zuhälter. Warum man die „Loverboy-Masche“ überall als etwas Neues beschreibt, ist mir ein Rätsel. So machen Zuhälter seit Jahrhunderten Frauen gefügig – durch ein vorgespieltes Liebesverhältnis. Psychisch auffällig waren sie alle, und sie ertrugen oft in ihrem Privatleben absolut keine Männer mehr. Übrigens ein sehr häufiger Kollateralschaden der Prostitution. Und bestimmt nicht der Schlimmste.

In Berlin machen jetzt die neuen Bioplumpsklos/Verrichtungsboxen für Prostituierte von sich reden.

„Barbara König (SPD), Staatssekretärin für Gesundheit und Gleichstellung verkündete die News. „Die Bio-Toiletten im Kurfürstenkiez werden gut als Verrichtungsorte angenommen.“ Soll heißen: Neben der Toilettenfunktion wird in den Holzbuden auch Geschlechtsverkehr vollzogen. Entlang des Strichs rund um die Kurfürstenstraße wird die Zahl der Klohäuschen deshalb nun auf fünf erhöht.

Die Toiletten sind Teil eines Maßnahmenpakets des runden Tisches Sexarbeit. Das unregelmäßig tagende Gremium ist mit Angehörigen von Senat, Bezirken, Polizei, Beratungsstellen und Sexarbeitenden besetzt. Die Aufgabe ist im Koalitionsvertrag definiert: Handlungskonzepte entwickeln, um die Rechte und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen zu verbessern.“

Ich schätze auch die Berliner Spermatoiletten und Barbara König, die Staatssekretärin für Gesundheit und Gleichstellung. Aus dem gleichen Grund, aus dem ich die Freierforen schätze. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der man meint, Prostituierten etwas Gutes zu tun, indem man sie in stinkende Scheißhäuser zur Verrichtung abschiebt, offenbart schonungslos, wo sich Prostituierte in unserer Gesellschaft wirklich befinden. Wer sich über die Berliner Verrichtungstoiletten aufregt, hat nichts begriffen. Das Benutzen eines menschlichen Körpers gegen Geld wird nämlich nicht dadurch in irgendeiner Weise besser, dass es im Adlon für 600.- € an einer Escort-Lady stattfindet, dass der Prostituierten vorher Champagner spendiert wird, dass man ihr aus dem Mantel hilft. Benutzt wird sie trotzdem.