Seelenvögel und Wächterinnen

Gabriele von Lutzau: Mutter zweier Kinder. Ehefrau. Katzenliebhaberin. Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Der größte Rolling-Stones-Fan des Odenwaldes. Ehemalige Flugbegleiterin. Und am heutigen Tage vor allem Bildhauerin. Ihre Ausstellung „Seelenvögel und Wächterinnen“ wurde am 20.10.2019 in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen nach einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet. Die bodenständige, lebhafte Künstlerin widmete sich mit Enthusiasmus mehr als eine Stunde lang allen Publikumsfragen, stellte die Grundzüge ihre Arbeit vor, schilderte persönliche Motivation und die Entstehungsgeschichte ihrer Werke.

Ihre von Alberto Giacometti und Trak Wendisch beeinflussten Skulpturen finden im weißgetünchten Seitenschiff der über siebenhundert Jahre alten gotischen Katharinenkirche ausgreifenden Raum, der die Blicke frei schweifen lässt. Ihr Werk „Utöya“, über 70 schlanke, himmelwärts strebende Plastiken von wunderbarer Leichtigkeit und Filiangranhaftigkeit, nennt die Künstlerin „Seelenvögel“.

Geschaffen wurden sie in Gedenken an die Opfer des rechtsextremen Attentäters Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 das Feuer auf ein Sommerferienlager auf der norwegischen Insel Utöya eröffnete, in dem sich derzeit über fünfhundert Jugendliche aufhielten.

Auch das Werk einer Mutter, die sich vergegenwärtigt hat, dass das Schlimmste, wenn ein Kind aus den Ferien nach Hause kommt, mitnichten eine ungewollte Schwangerschaft sein muss. Das Schlimmste ist, wenn das Kind nie mehr zurückkommt. Die Bitterkeit des Todes, die Zerbrechlichkeit jungen Lebens, aber auch das notwendige Loslassen, all das liegt in den beinahe schwerelosen Standbildern, deren konkrete Vogelformen sich dem Betrachter nach und nach offenbaren.

Mit dem Angebot, das Gesamtkunstwerk „Utöya“ auf der gleichnamigen Insel auszustellen, gemeinsam mit Überlebenden, Angehörigen und Politikern die unumgängliche Trauerarbeit zu leisten und ein Zeichen gegen Terror jedweder Couleur zu setzen, ist Gabriele von Lutzau in Norwegen schlichtweg aufgelaufen. Man bräuchte keine Deutsche dazu, Trauer zu lernen, hieß es brutal.

Mehr Entgegenkommen, wenn auch anderer Art, fand die Arbeit von Lutzaus in Yad Vashem, der Shoa-Gedenkstätte des Staates Israel in Jerusalem. Auch dort war man zunächst misstrauisch über das Anerbieten einer deutschen Bildhauerin, dem Museum zwei Plastiken anzufertigen – ohne Vorschuss, ohne Bezahlung, ohne Honorar, einfach, weil es der Wunsch der Künstlerin war, ein Anliegen auszudrücken, Gefühle sichtbar zu machen. Bildwerke, die sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten Gabriele von Lutzaus ziehen: Flügel. Zwei Vogelschwingen. Gabriele von Lutzau schafft ihre Skulpturen mithilfe von Kettensägen und Flammenwerfern. Aufgehängt, installiert wie Trophäen eines Jägers, hängende, abgerissene, gebrochene Flügel scheinen es zu sein, verstörend in ihrer Größe und Präsenz. In Jerusalem wusste man im Gegensatz zu Norwegen alles über Gabriele von Lutzau, was es zu wissen gab, eine fingerdicke Akte über sie war bereits angelegt, mit dem Ergebnis, dass der Ausstellung eines Werkes der Künstlerin nicht das geringste entgegenstand. Das hätte man in Norwegen vielleicht auch mal versuchen sollen.

„Leben und Überleben“, dieses Motto steht über ihrem künstlerischen Gesamtwerk. Nicht ohne Grund. Wie eingangs erwähnt, war Gabriele von Lutzau in ihrer Jugend Flugbegleiterin. Nicht irgendeine. Sondern die Lufthansa-Stewardess der „Landshut“, die im Oktober 1977 fünf Tage lang Terror und Todesangst ertrug, die die kaltblütige Ermordung des Flugkapitäns Jürgen Schumann erleben musste, die mitansehen musste, wie man die Ladungen für die Sprengung der Maschine anbrachte, wie man Besatzungsmitglieder und Passagiere fesselte und mit Alkoholika übergoss, damit sie besser und schneller verbrennen sollten.

Vierzehn Jahre war ich damals alt. Der Terror der RAF begleitete meine Generation über Kindheit und Jugend hinweg, war immer ein Thema. Gabriele von Lutzau, damals noch Gaby Dillmann, eine junge Frau, gerade mal neun Jahre älter als ich: Das war endlich mal ein Vorbild, von dem man sich ein paar Scheiben abschneiden konnte.

Eine Heldin aber will sie deswegen nicht genannt werden.

„Wir hatten damals, die ganzen fünf Tage lang, wirklich Glück. Richtig viel Glück!“ sagt Ausstellungsbesucher Jürgen Vietor zu mir, damals der Co-Pilot der Landshut. „Und wir hatten Ulrich Wegener und die GSG 9. Wenn überhaupt, dann waren wir alle Helden, die Passagiere genauso wie wir alle!“

Die Ausstellung „Seelenvögel und Wächterinnen“ ist noch bis zum 25.11.2019 zu bewundern.

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