Betreutes Pinkeln

Liebe schulstreikenden, freitagsdemonstrierenden, klimaschützenden Kinderaktivisten! https://www.focus.de/regional/frankfurt-am-main/klima-vierte-freitagsdemonstration-gegen-klimawandel_id_10264613.html

Ja, ich verzichte ganz bewusst auf das große „I“ und das Gendersternchen. Schon allein deswegen, um mich überdeutlich und bewusst abzugrenzen und mich als das zu outen, was ich bin, nämlich eine in euren Augen uralte Frau aus einer anderen Zeit, die keinen Durchblick hat und der der Kalk schon aus der Hose rieselt. Ich möchte Euch eine kleine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Ihr könnt sie anschließend gern wieder vergessen und nächsten Freitag wieder zur Klimaschutzdemo gehen. Null Problemo, wie ALF gesagt hätte – einer der herausragenden Intellektuellen der Achtzigerjahre, dem wir auch das schöne Bonmot „Traditionen sind wie Teller – gemacht, um in Stücke zu gehen“ verdanken.

Ihr müsst jetzt mal ganz stark sein: Die Zeiten, die ihr gerade erlebt, die waren nicht immer so sorgenfrei, rundumbetreut, Pädagogengesteuert, digital vernetzt und finanziell grundsaniert, wie es heute für euch selbstverständlich ist.

Vielleicht seid ihr gerade erst aufs Gymnasium gekommen. Vielleicht macht ihr in einem Jahr das Abitur? Gut so! Habe ich auch mal gemacht, 1982, wenn ich mich nicht irre. Demonstriert habe ich auch oft. Damals wurden Demonstrationen gegen Atomkraftwerke, gegen die Hochrüstung und die Stationierung von Mittelstreckenraketen nicht unbedingt in der Tagesschau erwähnt; wenn überhaupt, dann wurden die Anzahl der Demonstranten krude heruntergelogen und die Demoteilnehmer möglichst als abschreckendes Beispiel für die Verkommenheit der faulen Jugend dargestellt. Das man uns öffentlich hochjubeln würde, weil wir ein simples demokratisches Grundrecht wahrnahmen, wäre uns nie in den Sinn gekommen. Gewollt hätten wir’s schon gar nicht. Lob von der CDU-dominierten Regierung? Da wäre man als guter Linker schamrot geworden.

Gut, ich will euch nicht den Schlaf rauben, aber meine Generation ist eben ganz, ganz anders groß geworden als eure. Wir saßen ab drei Jahren mittags eine halbe Stunde ruhig am Tisch wie alle anderen Familienmitglieder und lernten, mit Messer und Gabel das zu essen, was alle aßen, Grützwurst zum Beispiel oder grätenstarrende Fische mit Kopf und Glubschaugen. Es wurde jeden Tag frisch gekocht, Reste wurden wiederverwertet, Fertigmenüs waren ungekannt. Der erste Pizzaservice tauchte erst 1988 in Hamburg auf. Essen bringen ließen sich nur sehr alte oder schwerkranke Menschen. Essen To Go gab es nicht, außer mal einer Tüte Pommes, und die auch nur zu ganz besonderen Anlässen wie der Eins in Englisch. Die Mütter schmierten ihrer Brut noch Pausenbrote und gaben ihnen mitnichten Bares mit, damit sie sich in der Unterrichtsfreien Zeit bei Mc Donald’s oder Starbucks Coffee den Bauch vollschlagen konnten. Beides gab es nämlich noch nicht, und leisten können hätte sich das eine normale Familie auch gar nicht.

Nicht jeder hatte den Komfort einer Zentralheizung, kalt war es oft im Kinderzimmer, da half nur, noch einen Pulli mehr anzuziehen und wild herumzutoben. Die tägliche Dusche war völlig unbekannt, gebadet wurde nur einmal pro Woche samstags. Der typische Duft des Samstagabend war ein Mischaroma aus Badewasser und dem frisch gebackenen Sonntagskuchen. Ganz recht, es gab nur sonntags Kuchen und mitnichten aus der Tiefkühltruhe.

Wir mussten von der ersten Klasse an den Schulgang zu Fuß bewältigen, oft mehrere Kilometer. Nur bei sehr schlechtem Wetter gab es mal eine Busfahrkarte. Die kostete bei meiner Einschulung 30 Pfennig. Wir mussten nicht nur zur Schule zu Fuß gehen, sondern auch zum Sportverein, zum Zahnarzt, zum Kindergottesdienst, zu Kindergeburtstagen. Die fielen übrigens schlicht aus: Gefeiert wurde in der Wohnung oder, wenn gutes Wetter war, im Garten. Das Unterhaltungsprogramm bestand aus Topfschlagen, Blinde Kuh, Stille Post, Streitereien, Ratespielen und von den Müttern schleunigst auseinandergebrachten Prügeleien. Dazu gab es Kakao, Kuchen und Kekse, und gegen Abend, bevor wir satt, müde und glücklich nachhause wankten, Kartoffelsalat und Würstchen.

Man fuhr mit dem Fahrrad – falls eins vorhanden war. Unseren Eltern wäre es nicht im Traum eingefallen, uns überall hin zu kutschieren, solange wir zwei gesunde Beine hatten. Es wäre auch gar nicht gegangen, denn wer sich überhaupt ein Auto leisten konnte, benutzte es, um als Hauptversorgender Familienvater damit zu Arbeit zu fahren. Das Innere des Autos sahen wir vielleicht mal am Sonntag, wenn man hinaus ins Grüne fuhr.

Wollten wir Kontakt mit Freunden und Mitschülern, mussten wir hingehen und klingeln. Völlig ohne facebook, Instagram, Twitter oder Whatsapp. Telefonieren ging nur mit ausdrücklicher Erlaubnis – und schon gar nicht aus nichtigen Anlässen. Nach dem Mittagessen machten wir allein und ohne jede elterliche Hilfe unsere Schularbeiten. Und dann verschwanden wir für Stunden „nach draußen“, um mit anderen Kindern zu spielen, zu toben, zu streiten. Allein, weit weg von den Eltern, unbeobachtet, ohne jede pädagogische Anleitung und ohne Unterhaltungselektronik. Im Fernsehen, das ganze drei Programme umfasste, die etwa von 12:00 Uhr mittags bis 1:00 Uhr nachts liefen, gab es ohnehin nur eine halbe Stunde Kinderprogramm, und wer die an einem helllichten, sonnigen Tag dem Schwimmbad oder Bolzplatz vorzog, galt als Psychopath. Dabei erzogen wir uns besten gegenseitig und wie von selbst. Geizhälse, Schläger und Betrüger sahen sich nämlich schnell isoliert und gewöhnten sich so ihre Unarten wie von selbst ab.

Wie wir aussahen und was wir anhatten, war uns relativ egal. Hauptsache, die Klamotten waren robust und man konnte sie auch mal dreckig machen. Bei zwei oder drei Kindern pro Familie war Kleidung ein großer Kostenfaktor. Wir mussten die Sachen von Brüdern, Schwestern und Kusinen auftragen, da gab es nichts. Als wir so langsam in die Pubertät kamen, wurde das ein Problem. Eine funkelnagelneue Levi’s kostete 50 oder 60 Mark. Daher gab es auch nur eine pro Jahr. Mode für „Teens“, wie man damals sagte, wurde noch in Deutschland produziert und nicht in Südostasien und kostete ein Vermögen. Für ein neues Sommerkleid musste man wochenlang jammern. Wir konnten eben nicht mal schnell mit ein bisschen Taschengeld zu H&M, Tally Weijl oder ähnlichen Sweatshop-Billig-Klamottenherstellern gehen und uns für praktisch kein Geld modisch auf den neusten Stand bringen. Und wir mussten immer damit rechnen, dass ein neues Kleidungsstück Jahrelang getragen werden musste. Was wir auch taten.

Führerschein und das erste Auto zum Abitur oder dem achtzehnten Geburtstag? Nur ganz wenige durften das erleben. Die große Reise, die wir antraten, sobald die Aula vom Erbrochenen des Abiballs gesäubert war, erfolgte für ein paar schlappe Wochen mit dem einzigen Transportmittel, das sich die meisten von uns leisten konnten, denn Flugreisen waren völlig unerschwinglich. Es nannte sich Interrail, war eine verbilligtes Dauerticket für die Sommermonate und gab Menschen unter 26 die Möglichkeit, superbillig mit der Bahn durch Europa zu reisen. Billig war allerdings auch das Synonym für den kleinstmöglichen Komfort. Sechs Stunden Geratter und Geschüttel mit Gangplatz, zwei Tage ohne Waschgelegenheit oder Schlafmöglichkeit, das gehörte dazu. Das war Abenteuer pur. Hauptsache man kam dorthin, wo man hinwollte. In den Loggien von Florenz, auf dem Montmartre oder den Ramblas von Barcelona war all der Stress ganz schnell vergessen. Und wir waren telefonisch nicht für die nervigen Eltern erreichbar. Wie schön.

Work and Travel gab es nicht. Nachdem die zwei bis vier Schönen Wochen vorbei waren, ging es mit Work los. Oder mit dem Studium. Wir schafften die Immatrikulation und Studienberatung sogar ganz ohne Muttis Hilfe, und Papi hatte uns auch nicht den Antrag auf Befreiung von der Wehrpflicht geschrieben. Wir konnten das alles ganz allein, wir brauchten nicht einmal das betreute Pinkeln, dessen schamrote Zeugin ich ständig in der Öffentlichkeit gezwungen zu sein bin.

Nicht, dass ich Euch das alles nicht von Herzen gönnen würde. Im Gegenteil. Ich finde es wunderbar, dass es euch heute so gut geht. Ich weiß, ich bin grün vor lauter Neid. Aber, ihr Süßen: wo wir gerade bei grün sind: Es gab unter uns Menschen, die es ganz genau wissen wollten. Sie nannten sich Aussteiger. Sie gründeten Landkommunen in Schleswig-Holstein oder brachten alte Weingüter in der Toskana wieder in Schuss und so entstanden die ersten mehrheitlich belächelten Biohöfe. Dass ihr nichts lieber wollt, als zu unserem nachhaltigen Lebensstil zurückzukehren, davon gehe ich jetzt mal aus. Dann reden wir wieder von der Rettung der Welt von den Schäden, die wir dort verursacht haben sollen. Gute Nacht liebe Kinder. Schlaft schön!

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s