Frau Antjes kleiner Grenzverkehr

Mein Mann hat mich für zwei Tage mutterseelenallein am Lago Magiore zurückgelassen. Er muss nachhause und arbeiten gehen, da nützt alles nichts. Und was mache ich so ganz allein und ohne Auto?

Ich gehe Bergwandern.

Wanderstiefel angezogen, Daunenjacke, Notstulle eingepackt und natürlich das Handy. Kurz vor der Schweizer Grenzstation ist ein Pfad, der mich schon immer gelockt hat. Offenbar kommt man auch über die Waldseite in die Schweiz. Mit Wanderzeichen und Wegweiser. Kann nichts schiefgehen.

Unter den Bahngleisen hindurch geht es steil bergan. Sehr steil. Es ist eine dieser mit Flusskieseln gepflasterten Bauernstraßen, die malerisch aussehen, aber mühsam zu gehen sind. Es geht immer bergauf, eine halbe Stunde lang, und ich überlege, ob ich nicht lieber umkehren soll, wenn so nicht das hübsche Dorf drüben in der Schweiz zu erreichen sein sollte. Aber irgendwann bin ich oben, und der Weg nimmt Kurs auf die Schlucht, durch die der Weg führen muss, wenn man oben bei dem in der Sonne leuchtenden Dörfchen ankommen will.

Gut so, jetzt bin ich auf dem richtigen Weg und nichts kann mehr verfrieren. Das Wetter ist typisch italienisches Winterwetter, wie es hier in der Lombardei ist: Klar und kalt, mit leuchtendem Sonnenschein, der noch richtig wärmen kann.

Hinter der nächsten Biegung wird der vormals breite Fußpfad nur noch ein schmales Pfädchen und es geht scharf am Rande einer tiefen Schlucht entlang. Hier muss man schon ein bisschen aufpassen, richtig zuzutreten. Man muss nur richtig hingucken und sich notfalls an Ästen und Wurzeln festhalten, dann kann eigentlich gar nichts passieren.

Und wenn doch was passiert? Dann schlittert man hier hunderte von Metern den Abhang herunter. Gut, dass ich das Handy dabeihabe, man weiß ja nie. Obwohl, ob man nach einer derartigen Schlitterpartie noch zum Telefonieren in der Lage ist? Und wie ist überhaupt der italienische Notruf? 112, so wie bei uns? Und in der Schweiz? Keine Ahnung.

Ach komm schon – was soll dir schon geschehen. Mittlerweile geht es recht steil wieder bergab, der Pfad wird durch Geröll und knochentrockene Kastanienblätter immer rutschiger. Offenbar schlittere ich auf eine tiefe Schlucht zu und richtig, ich höre schon das Wasser rauschen. Das muss der Grenzbach sein.

Das Terrain wird leider immer unwegsamer. Im Oktober hat es diverse Stürme, Starkregen und Hochwasser gegeben. Innerhalb von wenigen Stunden wurden die Flüsse in der Gegend von sanft murmelnden Bächlein zu gefährlich hohen Wildwassern, und in den Wäldern stürzten nicht nur tote Bäume um.

Da raschelt was!

Der Lago Maggiore ist zwar ein hervorragend erschlossenes Feriengebiet, aber die fantastischen Wälder, die ihn umgeben, werden nach wie vor nach den Gesetzen des Dschungels regiert. Noch nie war mir das so klar wie im Herbst, als ich zum ersten Mal einen Hirsch röhren hörte: Jurassic Park! Es gibt nicht nur Rehwild, auch grunzende wühlende Wildschweine, Schlangen, die einem wie ein Stück Gartenschlauch plötzlich vor die Füße plauzen, Füchse, die man beim Sonnen auf Lichtungen überrascht.

Nein, da war doch nichts. Plötzlich wird mir klar, dass ich keine Ahnung mehr habe, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Überall blockiert Totholz den Weg, ich muss klettern und steigen und komme nur noch im Schneckentempo voran, bis ich endlich wieder ein Wanderzeichen sehe. Zu meinem Schrecken geht es direkt auf den Fluss zu. Tosende Wasserfälle und Wildbäche sind hier gar nichts besonderes und ich habe mir schon öfter beim durchqueren nasse Füße geholt. Das würde notfalls gehen. Aber wozu? Jenseits des Wassers geht es offensichtlich nicht weiter. Und da sehe ich plötzlich, dass es am andren Ufer einen Erdrutsch gegeben hat. Eine Gerölllawine ist jetzt dort, wo ehemals der Wanderweg gewesen sein mag. Wohin er von dort aus führen sollte, ist nicht mehr auszumachen.

Na Klasse, dann muss ich eben wieder zurück. Ich raschele durchs Laub und versuche mich zu erinnern, wie ich in die Schlucht gekommen bin. Von hier? Von dort hinten? Ich muss auf jeden Fall das Wanderzeichen wiederfinden, sonst bin ich aufgeschmissen.

Ach komm schon, denke ich, das sind hier schließlich nicht die Alpen. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Natürlich sind das hier die verdammten Alpen! Aber wie soll ich den verdammten Weg wiederfinden? Auf Geratewohl den rutschigen Hang hinaufzuklettern, wäre Wahnsinn.

Was nun? Ich kann weder vor noch zurück! Wie lange bin ich nun schon hier? Ich hole das Handy raus: Entladen!

Höchste Zeit für eine solide Panikattacke. Und dann, urplötzlich, lerne ich eine wichtige Lektion: Panik muss man sich erstmal leisten können. Das kann ich mir im Augenblick nicht, denn mein Gejammer und Geheule würde im Tosen des Wassers untergehen und mir sowieso nicht weiterhelfen.

Ich versuche erstmal, ruhig zu atmen. In diesem Augenblick sehe ich drüben jenseits des Baches, dass dort in der Tat ein Wanderpfad den Berg hochgeht. Er war vorher nicht zu sehen gewesen. Ich muss die Flucht nach vorn antreten, koste es, was es wolle. Ich suche mir eine gute Stelle am Bach und komme mühelos hinüber, auch wenn mir die Knie zittern. Jetzt die Gerölllawine. Ich kraxele entschlossen hoch und halte mich fest, wo es nichts festzuhalten gibt und verdränge pausenlos, dass sie jederzeit wieder ins Rollen kommen kann. An die vier jungen Leute muss ich denken, die beim Wandern in der Negev-Wüste genauso auf tragische Weise ums Leben gekommen sind. Das hier ist nicht die Negevwüste. Nur die Scheiß-Alpen!

Es ist erstaunlich, wozu der Mensch fähig ist, wenn er zum Äußersten getrieben wird. Plötzlich stehe ich auf dem Pfad, der nach oben zum Dorf führt. Meine Erleichterung grenzt an Hysterie. Nur noch ein paar Hundert Meter, und ich bin da, denke ich bester Laune. Da blockiert jäh ein eiserner, hoher Zaum den Weg.

Oh kommt schon, Leute! Bitte! Ernsthaft? Nur, weil hier die blöde Grenze ist? Muss so sein, denn drüben sieht man ein dreieckiges Schild. Mir ist nun schon alles egal, ich habe die Faxen dicke, dann mache ich mich eben des illegalen Grenzübertritts schuldig. Wenn mich einer belangen will, werde ich eben das hilflose Weibchen mimimimen, das soeben knapp dem Tod entronnen ist. Und das ist nicht mal gelogen.

Der Zaun ist überwunden. Aber statt „Dogana – Douane“ steht auf dem Schild „Sentiero chiuso – pericolo!“ (Weg gesperrt – Gefahr!). Das habe ich gemerkt, Weißgott.

Nun bin ich in einem dieser entzückenden Schweizer Bergdörfer, mit seinen grauen Rustici, den Katzen in der Sonne und der alten Lavanderia, dem örtlichen Waschplatz, der bis in die sechziger Jahre hinein genutzt wurde. Ich säubere mich notdürftig von Dreck und Moos, ziehe Dornen aus, wasche mir die Hände, trinke einen Schluck und bin wie neugeboren. Hier bin ich wieder in der Zivilisation, hier wohnen nette, hilfreiche Menschen, vielleicht ungewöhnlich hilfreiche mit Handy, heißem Kaffee und einem Teller Suppe. Notfalls. Aber so entkräftet bin ich doch nicht. Zurück nehme ich den Weg die Straße hinunter und passiere die Grenzstation. Ganz legal.

Am Abend ruft mein Mann an: „Na, was hast Du Schönes gemacht heute?“

„Nichts Besonderes“, entgegne ich. „Bißchen spazieren gegangen.