Das gibts nur in Peccioli!

Toskana-Touristen kennen Pisa und Lucca, Florenz und Siena, Pienza und Montepulciano.

Aber wer kennt eigentlich Peccioli?

Die kleine Stadt liegt zwischen Pisa und Volterra, steht in keinem Reiseführer und ist eine Perle.

Der Tourismus hat Peccioli nicht entdeckt, was bekanntlich Vor- und Nachteile hat. Wenn man selbst als Touristin unterwegs ist, kann man sich zwar über den Tourismus schlecht aufregen – es lässt sich aber nicht leugnen, dass er seine Schattenseiten hat. Andererseits hat er vielen verarmten, heruntergekommenen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und brachliegender Infrastruktur in Italien zu neuem Glanz und Wohlstand verholfen, so den malerischen Cinque Terre in Ligurien. Als ich dort vor über dreißig Jahren zum ersten Mal bei einer Bergwanderung über den Marktplatz des Städtchens Corniglia stolperte, erregte ich noch so viel Aufsehen wie ein Unbekannter, der plötzlich im eigenen Wohnzimmer steht und den freien Blick auf den Fernseher blockiert. Diesen verschlafenen, unerschlossenen Charme hat Peccioli sich bis heute bewahren können.

Peccioli liegt auf einer felsigen Anhöhe mit herrlichem Weitblick ins Umland. 1988 hat der Ort es ordentlich krachen lassen und Städtepartnerschaft mit Ellnhofen geschlossen, weshalb direkt neben der alten Kirche am Marktplatz ein gelber deutscher Wegweiser angebracht ist: Ellnhofen 951 km. Es gibt am frühen Abend noch zwei Bars, die geöffnet haben, in einer von ihnen trinken wir einen Espresso. Alte Männer sitzen wie aus Stein gemeißelt davor und recken neugierig die Köpfe: Wer kommt denn da? Außerdem gibt es in den engen mittelalterlichen Gassen mit den hohen, düsteren Hausfassaden ein Haushaltswarengeschäft mit entzückend kitschigen Pecciolisouvenirs (!), einen Friseur, Zeitungsläden, zwei Ristorantes, von denen das eine geschlossen, das andere pleite ist, Obst- und Gemüseläden mit dem landestypisch hervorragenden Angebot herrlichster Erzeugnisse und eine chaotische Boutique.

Im Wirrwarr des Angebots entdecke ich draußen auf der Straße eine Jacke, eine wirklich schöne Wollfilzjacke, italienisches Fabrikat, gar nicht teuer. Ich entere den Laden und verkünde, dass ich gern die gelbe Jacke da draußen anprobieren möchte. Die Besitzerin überschlägt sich fast vor Begeisterung, nadelt die Jacke vom Bügel los und scheucht die schwatzenden Nachbarinnen beiseite, los, los, macht den Abgang hier, die Dame will sich im Spiegel sehen können, und hebt im Vorbeirauschen eine Schaufensterpuppe auf, die mit dem Gesicht flach auf dem Boden liegt. Ja, das sei eine sehr schöne Jacke, molto speciale, aber na los, wir sollen mal was erzählen! Wo wir herkommen, wieso ich Italienisch spreche, wo wir untergekommen sind? Volterra? Wahnsinn. Und heute seien wir in Pisa gewesen? Fantastisch! Wie denn das Wetter so in Hamburg sei, und im September sei es in Peccioli so kalt gewesen, dass die halbe Stadt ihr die Bude eingerannt und nach Daunenjacken gefragt hätte. Von ihren in die Gegend geschrienen Urlaubssegenswünschen begleitet, setzen wir das Sightseeing fort.

Man hat originellerweise ein Heer junger Künstler auf das Städtchen losgelassen, denn überall stößt man auf die überraschendsten Installationen. Das ist eigentlich ein Begriff, bei dem es mir kalt den Rücken herunterläuft und ich immer an ein befreundetes Pärchen aus Kassel denken muss. Beim Besuch der „documenta“ schoben sie einmal ihren Kinderwagen in irgendeine Ecke und konnten ihn Stunden später kaum der Expertenkommission entreißen, die gerade dabei war, herauszufinden, was ihnen der Künstler mit dieser Installation hatte sagen wollen.

Doch die in Peccioli integrierten modernen Kunstwerke sind schlicht grandios. Nichts ahnend dreht der Besucher sich um und wird plötzlich von der alten Stadtmauer herab aus tausend Augenpaaren beobachtet – einer Fotoinstallation. Ein Kruzifix über einem Eingang entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ganz und gar heidnisches Kunstwerk mit nackten, verschlungenen Leibern; da und dort hängt einem plötzlich eine Plastik über dem Kopf und in den für toskanische Hügelstädte typischen, wegen des Platzmangels eingerichteten tunnelartigen Durchgängen gibt es beim Betreten psychedelische Lichteffekte. Aber das Beste steht noch bevor. Auf der anderen Seite der Stadtmauern überrascht der Anblick eines steinernen Riesen, der in einiger Entfernung aus der Erde zu kriechen scheint. Surreal ist gar kein Ausdruck.

Als wir um die Ecke auf ein ruhiges Plätzchen einbiegen, finden wir folgendes vor: Vier ältere italienische Damen plus vier italienische Katzen, von denen zwei ständig wie siamesische Zwillinge miteinander verknotet sind. Als ich der Getigerten über den Kopf streichen will, langt sie mir eine. Mit Samtpfote, was bei den Damen erhebliche Heiterkeit auslöst. Und wenn ich Ihnen jetzt sage, dass letztes Jahr, als wir das Städtchen entdeckten, am selben Ort dieselben vier Damen mit denselben Katzen saßen und dieselbe Katze mir damals schon eine langte und dieselbe Reaktion auslöste, werden Sie vielleicht sagen, ich spinne. Es war aber so. Sowas gibt’s eben nur in Peccioli.

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