Wo die Schweiz noch richtig arm war

Armut ist zweifelsfrei nicht das Erste, was bei einem Aufenthalt am Lago Maggiore ins Auge sticht. Wenn bei Bucherer in Locarno die Brillis im Schaufenster funkeln, dass man davon fast Kopfschmerzen bekommt; wenn in den Chocolaterien das sattbraune, duftende Hüftgold lockt und in den Grotti, den lokalen Restaurants, die Vorspeisen bei 25 CHF anfangen (Kastaniencrespelle mit Ziegenkäse und Tessiner Berghonig), fällt einem der Begriff Armut nicht so ohne weiteres ein.

Und doch war die Armut hier lange Zeit ein Thema, um die Ecke in den schwer zugänglichen Tälern, dem Centovalli, dem Maggia- und dem Verzascatal. Die Bergwelt hier ist einsam und herzzerreißend schön, wilde Flüsse und Wasserfälle stürzen gnadenlos zu Tal und sorgen für Canyonlandschaften, die den Vergleich mit Montana und Arizona allemal aushalten.

Die türkisblaue Verzasca hat man mittlerweile durch einen 220 m hohen Staudamm am unkontrollierten Überlaufen gehindert. Auch aus anderen Gründen wird das Verzascatal das „Wildeste Tal der Schweiz“ genannt. Das ist nicht nur dem unverständlichen italienischen Dialekt mit seinen verschluckten Endvokalen und seinen für das Romanische gänzlich unüblichen Umlauten zu verdanken – die Berge, im Italienischen sonst „monti“, heißen hier in einer Art Plattitalienisch „mött“. Das von tief abfallenden, felsigen Bergen umgebene Wildwassertal ist ein Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten, wie die blau-grüne Smaragdeidechse, die aussieht, als käme sie direkt vom Amazonas; die unter Umständen tödlich giftige Aspisviper und riesige Greifvögel.

Wer sich eine Vorstellung davon machen will, wie einfach die Bewohner dieser Täler einmal lebten, muss nur einen Blick auf ihre Häuser, die „Rustici“ werfen. Kommt man geradenwegs aus dem kunstbeflissenen Ascona oder dem mondänen Locarno, könnte die Überraschung beim Anblick dieser Urbauten kaum größer sein. Etwa so, als käme man aus Manhattan herüber nach New Jersey, um festzustellen, dass die Bewohner dort noch im Pfahlbau leben. Aus roh zurechtgehauenem, graugefleckten Felsgestein aufgeschichtet, drängen sich die urtümlichen Häusschen dicht an dicht in den Dörfern zusammen, auf den ersten Blick eher beklemmend als malerisch. Als die ersten Höhlenbewohner auf die Idee kamen, sich doch vielleicht eine auf die Dauer etwas komfortablere und weniger feuchte Wohnstatt selbst zu konstruieren, dürften diese Behausungen ungefähr so ausgesehen haben, wie die Tessiner Rustici. Über einer simplen, einstöckigen Konstruktion durabler Stützbalken werden die flachen Steine nahezu lichtdicht zu vier Wänden mit maximal zwei winzigen Fensterluken aufgeschichtet. Und zwar als Trockenmauerwerk, will sagen ohne Mörtel, was ich als Tochter eines Maurer- und Fliesenlegermeisters einfach nicht kapieren kann. Oben wurde geschlafen, unten gekocht und gelebt, im Winter beschränkte man sich auf unten, weil es oben zu kalt war. Aber das ganze hielt. Sogar mehrere hundert Jahre lang.

Das Leben dieser Bergbauern bestand in einfachster Subsistenzwirtschaft. Ein Maisfeld, ein kleiner Weinberg, ein Obst- und Gemüsegarten, ein paar Ziegen. Die Verzascana nera, die schwarze Verzascaziege, ist mittlerweile durch Nachzucht wieder zu bewundern. Die glücklichsten konnten es sich leisten, ein Schwein zu mästen, das zu Anfang des Winters geschlachtet wurde und für ein Jahr für Wurst und Schinken sorgte. Die krümelige weiße Schicht auf der echten Tessiner Salami, lerne ich bei dieser Gelegenheit, besteht übrigens aus veritablem Schimmel. Grundnahrungsmittel war Polenta, berühmt war „Mazzafam“, der Hungertöter aus Kartoffel-Polentamischung. Hinzu kamen die Edelkastanien, die einem bei Wandern nur so um die Füße rasseln und sich im Oktober beinahe schaufelweise einsammeln lassen. Was man auch tun sollte, denn kreuzweise angeschnitten und drei Minuten in der Mikrowelle geröstet, schmecken sie köstlich mit kühlem Weißwein. In vergangenen Jahrhunderten waren sie noch kein Snack, sondern überlebenswichtig, man buk aus ihrem Mehl Brot und Kuchen, die köstlichen Früchte landeten in Suppen und Eintöpfen, all das wird heute noch betrieben und ist absolut empfehlenswert. Man ließ überhaupt nichts aus, was die Natur hergab, fing Forellen und Singvögel, sammelte Beeren und Pilze.

Sobald aber eine Dürre- oder Regenperiode die Ernten bedrohte, war die Not im Nu groß. Riesengroß. Denn dann brachen nicht nur Hunger und im schlimmsten Falle Seuchen aus, dann schlug die Stunde skrupelloser, von keinerlei Moral belasteter Menschenhändler. Diese zogen durch die bitterarme Region und handelten den verzweifelten Bauern ihre Söhne ab, je schmächtiger und jünger, desto besser. Für eine einmalige Ablösesumme und ansonsten nur Kost und Logis, wurden die Knaben nach Mailand verfrachtet, um dort Kamine zu kehren, eine ungesunde, ja mörderische Arbeit in Sklavenartigen Verhältnissen. Viele Eltern sahen ihre Söhne niemals wieder.

Die Schriftstellerin Lisa Tetzner hat diesen Stoff im Jugendbuchklassiker „Die Schwarzen Brüder“ verarbeitet, und verfilmt wurde er mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle des Schurken Antonio Luini. Das Buch hat ein Trost spendendes Ende: Der verloren geglaubte Sohn kehrt als junger Lehrer mit seiner Frau ins Verzascatal zurück, gründet die erste Schule und macht sich stark für den Straßenbau, der den Fortschritt bringen soll. In der Realität ließ die neue verkehrstechnische Erreichbarkeit die Menschen in Scharen aus den engen Tälern fliehen, weil das Leben einfach zu hart war. Das „Museo dello Spazzocamino“, das Schornsteinfegermuseum, erinnert noch heute an diese pechschwarzen Zeiten.

Heute sind die einst menschenleeren Täler vom Tourismus belebt, vom Wohlstand erhalten und bestens in Schuss. Die Rustici, winterfest gemacht, schick ausgebaut und mit jedwedem Komfort der Neuzeit einschließlich W-Lan ausgestattet, sind beliebte Feriendomizile und selbst Wohnhäuser für Schweizer, die auf allzuviel Platz verzichten können. Die Täler sind ein begehrter Tummelplatz der Sportler und Wochenendausflügler; Paraglider, Biker, Wanderer, Kletterer, Paddler, Schwimmer und Sonnenbader sind unterwegs. Die ganz Mutigen springen von der bezaubernden zweibogigen Brücke über die Verzasca bei Lavertezzo http://www.edonna.it/viaggi/le-maldive-di-milano-il-paese-di-lavertezzo-in-svizzera_23495/ etliche Meter in die Tiefe, die völlig Durchgeknallten lassen sich vom Bungeeseil vom 220m hohen Staudamm herunterfallen.

Dennoch, wenn man die Dorfplätze mit ihren Kieselsteinbelag betritt, mit den grauen Rustici und den Brunnen, die wie Einbäume aus ausgehöhlten Felsquadern bestehen, dann steht die Zeit so still wie nur irgend möglich.

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