Die verdammten Hackfressen dieser Erde

Zunächst war es nur ein kleiner Verdacht. Doch Dank Smartphones und Social Media, mit denen bewegte Bilder in Sekundenschnelle um die Welt gehen können, muss man die gewalttätigen Geschehnisse rund um G 20 in Hamburg völlig neu bewerten.

Die Brandstiftungen und Sachbeschädigungen, die Diebstähle und Plünderungen, die Körperverletzungen und der Vandalismus, denen die Hamburger drei Tage lang ausgeliefert waren, wurden sie wirklich von den üblichen Verdächtigen begangen? Von linken Chaoten, Antifa und Kapitalismusgegnern?

Wann immer man nämlich den Gewalttätigen bei ihren Verbrechen live zusehen durfte, war es überdeutlich, dass es unmöglich die Verdammten dieser Erde sein konnten. Eher die verdammten Hackfressen: Junge, gut genährte, kerngesunde Männer und Frauen mit akkuratem Styling und adrettem Haarschnitt in Calvin Klein, G-Star, Nike, Puma und The North Face.

Der Gegensatz zwischen der vermeintlichen Kapitalismuskritik einerseits und den schweineteuren, in südostasiatischen Sweatshops unter unmenschlichsten Bedingungen für Hungerlöhne produzierten Edelklamotten andererseits war auf den Unmengen von Bildmaterial so augenfällig, dass sogar Spiegel-online witzelte: „Kapitalismuskritik“ kann sich nicht jeder leisten.

Prompt schwappte der Shitstorm ehrlicher Entrüstung los. Dem Konsumterror könnte sich schließlich keiner entziehen, hieß es unter anderem. Seither weiß man punktgenau, mit wem man es bei den Marodeuren zu tun hat. Das Lumpenproletariat im Engelsschen Sinne war es jedenfalls nicht. Sondern die wohlstandsverwahrlosten Kids jener bürgerlichen Klasse, die seit Jahrzehnten am meisten vom wachsenden Wohlstand profitiert hat. Es sind die Kinder von Eltern, die mit Biokost und Privatstunden gepampert wurden und denen man zwischen Cellounterricht und Kinderyoga versäumt hat, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beizubringen.

Deren Helikoptereltern, die alle zwei Jahre das neueste energiesparende SUV-Modell vor dem Eigenheim stehen hatten, ihr Äußerstes getan haben, um alles Schlechte dieser Welt von ihrer Brut fern zu halten. Wirkliche Probleme haben sie in ihrem Leben noch nicht gehabt. Es war schließlich schon unzumutbare Härte, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule hätten fahren müssen oder nicht augenblicklich das neueste iPhone bekommen hätten. Und die natürlich die teuersten Klamotten auf den Leib gehängt kriegten, damit sie sich ja nicht ausgegrenzt fühlen. Was überhaupt der Hauptkritikpunkt vieler G 20-Gegner zu sein schien: Man könne andere Länder doch nicht einfach ausgrenzen! Die Welt als großer Kindergarten.

So darf es auch nicht mehr verwundern, wenn eine junge Randaliererin auf dem Gorch-Fock-Wall versucht, zusammen mit ein paar anderen Spinnern eine mexikanische Diplomatenlimousine zu blockieren und sich anschließend aufführt wie eine Zweijährige, als ihr Fahrrad plattgewalzt wird. Das ist die Reaktion einer verwöhnten Göre, die auf dem Spielplatz einem anderen Kind die Schaufel stielt und sich dann wundert, wenn sie sie in die Fresse gehauen bekommt.

Eine gewisse Genugtuung darüber, das sich die Zerstörungswut vor allem in der linken Wohlfühlzone Schanzenviertel und nicht nur in der Elbchaussee ausgetobt hat, darf man den Hamburgern nicht übel nehmen. Bei dieser Gelegenheit hat sich der Rote-Flora-Anwalt Andreas Beuth denn auch bis auf die Knochen blamiert, als er sagte, bei aller Sympathie für solche Aktionen verstünde er nicht, warum sie nicht in Pöseldorf oder Winterhude stattgefunden hätten. Auch die Heuchler, die in feigem vorauseilenden Gehorsam ihre Geschäfte mit „No G 20 – spare our store“ zu sichern versuchten, hat es getroffen, und zwar zurecht, ist doch nur allzu deutlich, dass sie so ihre Hoffnung ausdrücken wollten, es möge doch bitte die „Richtigen“ treffen.

Mitgefühl hat man vor allem mit gänzlich unbeteiligten Schanzenbewohnern, die bei Löschversuchen aus dem Fenster heraus mit Steinen attackiert wurden oder die zusammengeschlagen wurden, wenn sie es wagten, Plünderer zu kritisieren. Bei diesen Antifaschisten kann man das Anti weglassen und es passt.

Als wir in den Siebzigern und Achtzigern gegen Atomkraftwerke, SS 20-Rakten und den Natodoppelbeschluss auf die Straße gingen, trugen wir das, was sich die meisten so eben leisten konnten: Uralte Jeans, deren Entfärbungen und Risse mitnichten aus modischen Gründen schon beim Herstellungsprozess entstanden sind, ausgelatschte Schuhe und Lederjacken vom Flohmarkt sowie Indienblusen, für die man vier Monate das Taschengeld sparen musste, da sie noch direkt  vom Hersteller und mitnichten von H&M kamen. Zum warmhalten gab es im Proseminar selbstgestrickte Pulloverungetüme, oftmals aus mehrfach aufgedröselter Wolle. Modisch gesehen waren wir Endlagerstätten. Die demonstrierenden Schüler und Studenten kamen überwiegend aus einfachsten Verhältnissen. Würde sich die Randalejugend von heute, die in Hamburg drei Tage Party gemacht hat, ein paar Monate im Jahr 1982 herumtreiben müssen, ohne Smartphone, Computer und Youporn, mit einer Briefmarkengroßen Schwarzweißglotze ohne Fernbedienung und fünfzig Mark Kostgeld pro Woche, wäre sie nach ein paar Tagen reif für Muttis Notfalltropfen und den Traumatherapeuten. Und das ist wiederum die gute Nachricht. Menschen, die mit zwölf Jahren noch ohne Muttis Assistenz nicht mal alleine kacken gehen konnten, sind auch nicht in der Lage, gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu bewegen.