Vier Nächte neben der Kameliendame

Ende April ist der Flieder in Paris schon verblüht. Dennoch ist es kalt, bitter kalt, als ich zum ersten Mal den Montmartre erklimme. Es ist still wie in einem französischen Dorf und zehnmal pariserischer, als ich es mir je vorgestellt habe. Die Häuser sehen aus, wie von van Gogh gemalt, und in der Tat, hier in der Rue Lepic hat er gewohnt. Mühelos erkennt man augenblicklich den Place du Tertre wieder. Im Mittelalter standen hier die Galgen, später saß dort Gene Kelly und mimte einen armen Maler in „Ein Amerikaner in Paris“. Neben Fred Astaire sehe er sowieso immer aus wie ein steppender Fernfahrer, soll er mal gesagt haben. Weiß schimmern die Kuppeln von Sacré-Cœur hinter den Gassen hervor, zum weinen schön. Eine Handvoll Touristen bibbert vor der grandiosen Aussicht hinunter auf die Stadt an der Seine, in der so viele Romanfiguren herumspuken, so viele Filme gedreht wurden, so viele Kunstwerke entstanden sind, dass man als Erstlingstouristin gar nicht weiß, wo man am besten anfängt.

Am nächsten Morgen ist es immer noch saukalt, und ich fange einfach an. Auf dem Friedhof von Montmartre. Er liegt direkt unter meinem Hotelfenster, und ich kann auf die Gräber von Legenden sehen. Die Kameliendame liegt hier, die Edelhure, die mit dreiundzwanzig an Tuberkulose starb und deren kurzem Leben man ein herrliches Drama, mehrere Filme, Ballette und Opern zu verdanken hat. Alexandre Dumas d.J., der Schöpfer ihres Mythos und ihr Liebhaber, ist gleichfalls hier bestattet. Ihr Marmorschrein ist mit Lippenstiftkussmündern bedeckt, sie rührt noch immer. Auch François Truffaut suche ich auf. Briefe und Zeichnungen liegen auf der schwarzen Steinplatte: Merci, Maître. Dem kann ich mich nur anschließen. Und dann natürlich Heinrich Heine. Gut, dass er schon lange tot ist, denn zu seinen Lebzeiten wäre ich ihm hoffnungslos verfallen. Wie kann man einen Mann nicht lieben, der so herrliche Sätze schrieb, wie den über die Engländerin in Italien, die „wie eine Fettlawine über die Alpen gerutscht“ sei?

Katzen streifen zwischen den Gräbern umher, die einzigen, die wir in Paris sehen. Bisher war es still und friedvoll. Beim Bummel hinunter zum Marais wird es wimmelig und laut. Der Verkehr ist unglaublich. Man ist froh über jeden Ort zum Erholen. Auf vielen Plätzen entzücken violett blühende Jacarandabäume. Paris ist voll von wunderschönen, gepflegten Parks mit herrlichen Blumenrabatten. Alle haben etwas davon, Touristen wie Bürger, jeder kann das Grün, die Ruhe, die Blütenpracht und die Düfte genießen. Wenn man da an den vernachlässigten Hamburger Alsterpark und den verkommenen Stadtpark denkt, wo das einzig Farbige die Warnschilder für Rattengift sind, möchte man vor Scham im Boden versinken. Parkwächter führen hier ein strenges Regiment, ein Trillerpfeifenstoß scheucht eine Gruppe von holländischen Mädchen auf, die sich verbotenerweise vor eine rosa Tulpenrabatte niedergelassen haben. Auf einer Fußgängerbrücke über die Seine wird illegalen Anglern das Handwerk gelegt: Zwei Polizisten schütten das Wasser aus den Eimern, werfen die Fische weg, zerschneiden den Eimer. Die südländischen Angler stehen daneben und sehen dem gründlichen Zerstörungswerk ganz ruhig zu. Andererseits ist nicht zu begreifen, dass in der Innenstadt Familien auf der Straße nächtigen, auf einer Matratze auf den Boulevards, direkt neben dem Verkehr, zusammen mit kleinen Kindern, sogar Babys. Ein Pappschild daneben: Famille syrienne. Überall streifen schwer bewaffnete Einsatzkräfte in Dreiergruppen durch die Stadt, sie stehen mitnichten gelangweilt in der Gegend herum, wie bei uns, sondern sie pirschen durch die Menge wie GI’s im Dschungel auf der Suche nach dem Vietcong. Europa ist im Krieg, und es hat ein Jahrzehnt und etliche hundert Tote gebraucht, bis Europa das begriffen hat. Während wir es uns im „La Coupole“ bei überbackenem Spargel, Huhn mit Pilzen, einer mit Blattgold bestreuten Mokka-Caramel-Schweinerei und einer Flasche vorzüglichstem Elsässer Riesling wohl sein lassen, stirbt auf den Champs Élysées ein Polizist bei einem Terroranschlag. Wegen der Wahl am Sonntag gilt die höchste Sicherheitsstufe. Sie ist vonnöten.

Vier Tage Paris: Endlose Avenuen und riesige Paläste, das grandiose Versailles und sein wunderbarer Park, Notre Dame und Erinnerungen an Anthony Quinn, wie er als Quasimodo die Lollobrigida in die Luft stemmte und „Asyl!“ dazu schrie, grandiose Vorlage für die Regisseure von zahllosen minderwertigen Historienschinken; das malerische Quartier Latin und der herrliche Jardin des Plantes. Kein einziges Museum – erstens laufen sie nicht weg, und zweitens habe ich im Metropolitan Museum in New York so viele van Goghs, Monets, Manets, Renoirs und Cezannes gesehen, dass es eine Weile vorhält. Uneingeschränkt empfehlen kann ich jedenfalls, die Arènes de Lutèce aufzusuchen, dieses kleine Kuriosum von einem wiedergefundenen römischen Amphitheater, das als ältestes Bauwerk der Stadt nunmehr ein Spielplatz für kleine und große Pariser ist. Und eine Fahrt mit dem Riesenrad auf der Place de la Concorde. Die zwölf Euro sind gut angelegt. Und zwar fürs ganze Leben.