Erst debil, dann dement

Seit meinem achten Lebensjahr bin ich hörgeschädigt. Eine chronische Mittelohrentzündung. Später kam eine vererbte Hörschwäche hinzu. In der Grundschule musste ich deswegen vorn sitzen. Da mir so die ungeteilte Aufmerksamkeit der Lehrer zuteil wurde, gehörte ich mühelos zu den Klassenbesten. Aber ab der siebten Klasse des Gymnasiums brach die Pubertät aus. Ich wollte auch mal hinten sitzen und Blödsinn machen. Infolgedessen brillierte ich nur noch in Fächern, deren Lehrpersonal im Kasernenhofton sprach, während meine Leistungen bei den Säuselern ins Bodenlose sackten. Bis zum Abitur hatte ich meine Hörschwäche völlig verdrängt. Wenn einer der Sinne den Dienst aufkündigt, entwickelt sich dafür ein anderer: Ich lernte Lippenlesen. Wenn ich den Gesprächspartner direkt ansehe, kriege ich für gewöhnlich alles mit. Im Kino entschlüssele ich gern den Originaldialog. Stell dir vor, eben hat er „Fuck You!“ gesagt. Gelegentlich frage ich nach, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe. Dass ich hörgeschädigt bin, wissen nichtmal Menschen, die mich seit zwanzig Jahren kennen.

Ich habe gelernt, gut mit meinem Handicap zu leben. Leider gilt das nicht uneingeschränkt für meine Mitmenschen. Niemand hat was gegen Rollstuhlfahrer oder Blinde. Im Gegenteil, ihre Hilflosigkeit erweckt Mitleid, und sofort stürzt man hin und hilft dem Blinden die U-Bahn-Treppe hinauf, besonders, wenn er niemanden drum gebeten hat. Man nimmt ihm damit wieder seine mühsam eroberte Selbständigkeit, aber dafür darf man sich auch als guter Mensch fühlen.

Hörgeschädigte hingegen mag keiner.

Wir wirken irgendwie asozial. Vermutlich, weil wir bei der Alltagskommunikation gelegentlich etwas ratlos in die Gegend gucken. Nicht selten hält man uns deshalb auch für geistig minderbemittelt. Die Grobheiten, die ich im Laufe meines Lebens anhören muss, reißen nicht ab. Hörgeschädigte machen aggressiv, spätestens, wenn sie zum zweiten Mal nachfragen:

An mir liegt das aber nicht! Ich spreche doch klar und deutlich! Hören Sie nichts, oder wie? Taube Nuss! Waschen Sie sich doch mal die Ohren! Nicht nur taub, sondern auch noch blöd, oder was?

Die Krönung erlebte ich auf dem Flughafen London Heathrow. Ich hatte bei einer Durchsage nur meine Flugnummer verstanden, aber leider nicht den Rest. Ich ging zur Information und teilte mit, dass ich aufgrund meines Hörschadens die Ansage verpasst hätte. Das war wirklich ein Fehler. Ein Mitglied des Bodenpersonals riss die Augen weit auf und fragte mit karpfenartig übertriebenen Lippenbewegungen peinlich überlaut, ob ich überhaupt wüsste, wo ich mich befände. YES. I. KNOW. WHERE. I. AM. YOU. FUCKING. IDIOT. Dabei könnte doch alles so einfach sein. Einmal, ein einziges Mal habe ich in einer Bibliothek ein Schild gesehen mit durchgestrichenem Ohrsymbol und dem Hinweis: Die Kollegin an diesem Platz ist hörgeschädigt. Bitte wenden Sie sich ihr zu und sprechen Sie deutlich.

Na Bitte. Geht doch.

Es gibt richtig viele Zeitgenossen, die von Inklusion schwärmen. Eine Klasse mit zwölf Schülern, die kein Deutsch sprechen, dazu mehrere Entwicklungsverzögerte, ADHS-Fälle und ein paar Kinder im Rolli, alles kein Problem, besonders für die Pädagogen. Aber mal einen Satz für einen Hörgeschädigten wiederholen? Wo kommen wir da hin.

Von diesen Menschen hört man besonders oft die Frage, warum man denn kein Hörgerät trage. Genauso gut könnten sie sagen: Belästige uns gefälligst nicht mit deiner Behinderung. Das sagen sie natürlich nicht. Was sie stattdessen sagen ist: Es gibt doch jetzt so tolle, unsichtbare Hörgeräte, mit denen man perfekt hören kann!

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten fünfzehn Jahren gehört habe. Gesprochen wurde er fast ausschließlich von Menschen mit perfektem Gehör. Woher sie wissen, dass man mit den Hörgeräten so perfekt hören kann, entzieht mich meiner Kenntnis. Dass sie glauben, ich trüge nur keine Hörgeräte, weil ich nicht weiß, dass es solche gibt, liegt daran, dass sie mich nicht nur für taub, sondern auch für grenzdebil halten.

Mittlerweile bin ich unglückliche Besitzerin zweier „Hörsysteme“. Kassenmodell, gesetzliche Zuzahlung € 20.- Die Hörgeräte, von denen Normalhörende mir seit Jahren vorschwärmen, gibt es in der Tat. Sie kosten mit den Folgekosten innerhalb der ersten fünf Jahre an die 16.000 € und werden in der Regel nur Filmschauspielern empfohlen. Ich fühle mich wie ein Steiff-Tier mit Knopf im Ohr, empfinde alles als schmerzhaft laut und immer wieder brechen hinter den Ohrmuscheln Ekzeme aus. Der HNO-Arzt hat mir beim ersten Besuch sofort vor den Latz geknallt, ich hätte viel zu lange gewartet. Es sei höchste Zeit, denn mit zunehmendem Alter verliere das Gehirn die Fähigkeit, Kommunikationslücken selbsttätig aufzufüllen. Außerdem gebe es Zusammenhänge zwischen Hörschäden und Demenz. Mein Gehirn müsse sich jetzt an die neue Hörfähigkeit anpassen. Was natürlich langfristig dazu führt, dass man irgendwann ohne Hörgerät nicht mehr leben kann und darf. Genau das hatte ich befürchtet.

 

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