Wanderer, kommst Du nach Worms …

In den Vogesen ist es nachts still. Nur die Eulen hört man schreien. Marder huschen einem auf den Wegen direkt vor die Füße, freundliche Katzen und Igel kommen vorbei, und an dem Rauschebach in Linthal gibt es Feuersalamander und Ringelnattern.

Das Abendbrot besteht, wie könnte es anders sein, aus Baguette und einem Kilo feinster französischer Käseauswahl. Und einem göttlichen Gewürztraminer aus Mittelwihr. Zum Nachtisch einen edlen Zwetschenschnaps, der hier tatsächlich „Eau de vie de Quetsch“ heißt. Die Luft am frühen Morgen ist so leicht und frisch, das man sich gar nicht satt atmen kann an ihr. Schmetterlinge flattern bunt über den spätsommerlichen Beeten, und man sitzt mit seinem Café au Lait in der Sonne und möchte nie wieder nach Hause. Idyll ist gar kein Ausdruck! Achthundertkilometer hin, achthundert Kilometer zurück, eineinhalb Stunden Stau. Die Angst, ob die alte Mühle die Höllenfahrt in das Elsass tatsächlich noch einmal mitmacht, fährt auf dem Rücksitz mit. Und das nur für drei Tage. Alles, um dem verregneten Sommer in Hamburg zu entfliehen.

Totally worth it.

Nach drei Tagen schlemmen und wandern ist es soweit: Es nützt ja alles nichts. Man tut gut daran, den langen Nachhauseweg durch kleine Exkursionen zu unterbrechen. Letztes Mal waren wir in Lorsch und haben das sehr sehenswerte Klostermuseum mit seinem romanischen Torbau besichtigt. Diesmal waren wir in Worms. Geschichtsbeflissen, wie ich bin, wollte ich schon immer mal nach Worms. Dieser Name klingt schon so schön alt. Und in der Tat ist Worms eine der ältesten Städte Deutschlands. Die Nibelungen! Die deutschen Kaiser! Die romanische Synagoge! Die Mikwe!

Das schöne alte Stadttor schraubt die Erwartungen hoch. Es ist so ruhig, das man zunächst glaubt, es wäre heute Sonntag. Oder die Pest sei gerade ausgebrochen. Die Stadt wurde leider in weiten Teilen von Luftangriffen zerstört und kaum etwas Erhaltenswertes wieder aufgebaut, bis auf den wuchtigen Dom, den einige schwarze Pestkreuze zieren. Also doch! Hässliche Nachkriegsbauten beleidigen das Auge, wohin man nur schaut. Obwohl klimatisch begünstigt, ist von südlichem Flair nichts zu finden, kaum Bäume, kaum Pflanzen, nicht einmal auf den Balkonen. Vermutlich denken die Wormser: Wozu soll das noch gut sein? Das reißt es auch nicht mehr raus. Nirgendwo ein Café oder halbwegs ansprechendes Lokal, das zum Verweilen einlüde. Jetzt wundere ich mich auch nicht mehr, dass beim googeln von „Worms“ zahllose Bilder von Würmern zu sehen sind.

Also schleunigst auf zur Synagoge, ehe die elsässische Tiefenentspannung völlig verschwunden ist. Was wären die mittelalterlichen Städte gewesen ohne ihre Judengassen? Man hasste sie und verfolgte sie, tötete sie und unterzog sie Zwangstaufen, aber ohne ihre Geldwirtschaft funktionierte gar nichts im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Judengemeinden waren ein Geldschwamm, den man je nach Bedarf, ob Palastbauten oder Fehden, Stadtwehranlagen oder Kriege, ständig auspressen konnte. Hier hat das antisemitische Klischee vom geldgeilen Juden seinen Ursprung, und es ist nicht totzukriegen: „Er ist einer jener Männer, die Geld verleihen, zu drei Pfennig pro Woche, was einem Jahreszins von 26 Prozent entspricht. Ohne Zweifel Wucher, doch viele (…) bezahlen ihre Schulden nur spät – oder nie“. Das steht tatsächlich im neuen Heft „GEO Epoche – Das Mittelalter“ über einen jüdischen Geldverleiher aus Köln. Ja, was sollte der Jude auch machen, außer Wucherzinsen zu nehmen. Inzwischen weiß man längst, dass die Höhe der Zinsen von der Willkür der Herrschenden abhing. Aber das Klischee ist lieb und teuer, und heute faseln Pseudolinke, die Kapital nicht von Kapitol unterscheiden können, von Turbokapitalismus und Heuschrecken.

In der Wormser Judengasse kann man die Vergangenheit  noch erahnen, erspüren, schon sehe ich einen heißen Augusttag im vierzehnten Jahrhundert vor mir: Kreischende Kinder spielen fangen zwischen den Marktständen mit geschächtetem Fleisch, Käse und Eiern, Pflaumen und Mirabellen. Die Frauen holen die geflochtenen Challoth aus dem Backhaus, die Berches, wie die Hefezöpfe sogar heute noch in Süddeutschland heißen, Männer mit langen Bärten kommen aus dem gedrungenen romanischen Bau der Synagoge, die auf der linken Seite eine kuriose Wölbung nach Innen aufweist: Eine schwangere Jüdin habe sich einmal dort gegen die Wand gepresst, um vor einem rücksichtslos durchrasende Fuhrwerk in dem engen Gässchen Schutz zu suchen, erzählt die Legende, und da habe die Wand der Schul nachgegeben, um das kostbare kleine Leben in ihr zu retten. Ihre Sprache ist mittelhochdeutsch, gemischt mit hebräischen Wörtern, sie werden sie mit nach Polen nehmen, wo man sie mit der polnischen Alltagssprache anreichern und Jiddisch nennen wird. Frauen mit Handtüchern unter dem Arm machen sich auf den Weg hinunter in die Mikwe. Ja, die Wormser Mikwe, die ist nun wieder jede Mühe wert. Steinerne Stufen führen hinunter ins Dunkel, an einem gotischen Spitzbogenfenster vorbei, achthundert Jahre tief in die Vergangenheit. Wahrscheinlich blakten im Mittelalter in diesem Fenster ein oder zwei Öllämpchen vor sich hin, wenn die Besucherin sich ihrer ganzen Kleidung entledigte, um dann, nach ihren unreinen Tagen, einmal kurz und gründlich unterzutauchen in dem eisigen grünlichen Grundwasser, das noch immer das Ritualbad füllt, als hätte es inzwischen keine Kreuzzüge, keine Armlederverfolgungen, keine Pestpogrome und kein drittes Reich gegeben.

Auf der Fahrt nach Osten über den Rhein beleidigt ein in Stein geronnenes, monumentales Schrecknis das Auge, der sogenannte Nibelungenturm über der Nibelungenbrücke. Gut, dass wir ihn erst gesehen haben, nachdem wir die Stadt zum ersten und zum letzten Mal besucht haben. Wäre der Nibelungenturm das erste gewesen, was ich von Worms gesehen hätte, hätte mich jeder Mut verlassen, die Stadt zu betreten.

 

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