Der Pate

Seit einigen Jahren steigt gelegentlich eine heftige Bitterkeit in mir hoch, die ich eigentlich schon begraben hatte. Zum Beispiel, wenn ich lesen muss, wie die WAZ in Gelsenkirchen einmal eine deutsche Großfamilie besuchte:

http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/zu-besuch-bei-einer-grossfamilie-id8232531.html

Nun ist man natürlich als angry old woman niemals so eine coole Sau wie als angry young man. Ich weiß, dass Menschen wie ich, die ein Leben lang anderen ihre unterprivilegierte sozial schwache Präkariatskindheit um die Ohren hauen, entsetzlich auf die Nerven gehen können. Aber dazu haben wir auch ein Recht. Wir dürfen das. Wenn man schon gelitten hat, will man ja auch was davon haben. Ich habe den Artikel mehrfach gelesen, von vorn bis hinten, von oben bis unten, ich habe zwischen den Zeilen gelesen und wie blöd nach dem Titel „Satire“ gesucht, aber ich schwöre es, der war nirgendwo zu sehen. „Gelsenkirchen – Patenschaften“ stand dort. Man muss also davon ausgehen, dass der Artikel über den Hausbesuch bei der Familie Tatari ganz ernst gemeint war und die Journalisten, die ihn verbrochen haben, wirklich so blöd sind.

Ferner muss man davon ausgehen, dass Dauerarbeitslosigkeit plus unverantwortliche Familienplanung plus Bigamie im Sinne StgB 172 nicht etwa verdammenswert wären, sondern ganz im Gegenteil: Der Bundespräsident spendet der glücklichen Familie Tatari in Ermangelung des Mutterkreuzes eine Ehrenpatenschaft komplett mit Schlossempfang und fünfhundert Euro bar auf die Kralle.

Geheiratet hat der vierundzwanzigjährige Herr Tatari nicht nur zwei Frauen, er hat auch schon mit fünfzehn zum ersten Mal Vaterfreuden genossen. Aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen ist der Vater von acht Kindern mit drei Monaten. Man muss also davon ausgehen, dass er inzwischen mindestens dreiundzwanzig Jahre und neun Monate Zeit hatte, festzustellen, dass man sich in Deutschland keinen Harem halten darf. Herr Tatari wird netterweise „arbeitssuchend“ genannt, was Neusprech für „dauerarbeitslos“ ist und darüber hinaus der so bezeichneten Person eine Aktivität unterstellt, die möglicherweise gar nicht vorhanden ist. Außerdem könnte ihm zu irgendeinem Zeitpunkt aufgefallen sein, dass die dreizehn Personen seines Haushaltes alle von den Steuergeldern derer leben, die ihm mit ihrer Arbeit seinen aufwändigen Lebensstil mit zwei Frauen und acht Kindern in einer Sechs-Zimmer-Wohnung finanzieren. Aber mitnichten.

Warum tut es mir weh, so was lesen zu müssen? Weil aus dem haarsträubenden Text eine menschliche Wärme, eine Empathie und ein Verständnis spricht, die ich mir in Kindheit und Jugend immer gewünscht, aber nie bekommen habe.

Verständnis oder gar Sympathie für arme, kinderreiche Familien gab es noch nicht. Man mied Menschen wie uns wie Leprakranke. Da hat einer seinen Betrieb in den Sand gesetzt  und hat soviel Steuerschulden, dass sein Leben nicht ausreichen wird, sie zu begleichen? Selber schuld. Und die Kinder müssen mitleiden? Wen interessiert’s. Darauf, dass eventuell Walter Scheel vorbeikäme und uns mal kurz fünfhundert Mark in die Hand drückt, hätten wie ewig warten können.

Es gab zwar nichts, worauf mein Vater hätte stolz sein können, aber zum Bezug von Sozialleistungen war er zu stolz. Also wurschtelte er irgendwie weiter. Von einem Insolvenzverfahren mit sechsjähriger Wohlverhaltensperiode, von kostenlosen Schulspeisungen, Sozialarbeitern vom Jugendamt, öffentlichen Tafeln, Bildungspaketen, Sozialtickets und ähnlich nützlichen Dingen konnten wir nur träumen. Vom Steuerzahler getragene Familienhelferinnen aus der staatlichen Erziehungshilfe gab es damals ebenfalls nicht. Kein Strom, kein Frühstück, kein Telefon, keine Krankenversicherung, zusammengebetteltes Geld für Klassenreisen, grundsätzlich kein Taschengeld – das war für uns Alltag. Political Correctness war noch nicht erfunden. Erwachsene wie Kinder hatten nicht die geringsten Probleme damit, sich in der Öffentlichkeit über meine Aufmachung lustig zu machen. Ich musste nämlich die Kleidung meiner Brüder auftragen. Grunge war damals leider noch nicht angesagt – sonst wäre ich Avantgarde gewesen. Das fand man damals in Ordnung. Wer schon am Boden liegt, auf den darf man gern noch eintreten. Armut erzeugte Verachtung und Abscheu, diese bittere Lektion habe ich früh gelernt. Besonders schmerzlich bekam ich das zu spüren, als ich kurz vor dem Abitur Schülerbafög beantragen musste. Auf dem Amt wurde ich in dieser Notlage behandelt wie Dreck, ja, es wurde sogar gefragt, ob es denn wirklich sein müsste mit dem Abitur. Immerhin, ich erhielt schon ein Jahr später ganze fünfundachtzig D-Mark.

Damals war man im armen, von öffentlichen Zuwendungen abhängigen Zustand noch nicht so liebenswert wie die Tataris. Den Dreizehn-Personen-Haushalt eines Bigamisten durchfüttern? Gar kein Problem, das ist in Ordnung und ein Teil unseres bunten multikulturellen Alltags. Familie Tatari jedenfalls reicht die Sechszimmerwohnung nicht mehr, sie hätten gern ein Haus mit Garten. Und wenn Patenonkel Joachim Gauck mal vorbeikäme, das wäre schön.

 

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10 Gedanken zu „Der Pate

  1. Es wird der Tag kommen, da werden die Deutschen und die Österreicher über einen neuen Adolf jubeln, geboren ist er definitiv schon.
    Davor hab ich ein bisschen Angst. Obwohl….., wenn das hilft, unsere Probleme zu lösen, warum eigentlich nicht ?!
    Die fette Raute tut alles dafür, unser Land in die Steinzeit zurückzubomben und der Michel klatscht Beifall.
    Ich kann nicht mehr verstehen, dass ein Volk kollektiv verblödet. Liebe Frau Sievers, wie immer ist Ihr Text brilliant und auf den Punkt.
    Freundliche Grüße

  2. “ Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode!“
    Der blöde Michel zahlt erst später, die Rechnung wurde noch nicht präsentiert.
    Und die jungen Idealisten, Teddybärchenwerfer und Multikultischwärmer werden sich noch wundern.
    Einige denken schon laut über das Auswandern nach, so wie Anabel Schunke auf http://www.achgut.com
    Na dann viel Spaß im Deutschland des Jahres 2020 oder so.

  3. Ein „neuer Adolf“ wird ganz gewiss keine Probleme lösen. Und ich bin mir absolut sicher, dass Frau Sievers keinen solchen herbeiwünscht.Dazu ist sie zu weltoffen, zu intelligent, zu selbstreflektiert, zu sehr an Gerechtigkeit interessiert, zu geschichtsbewusst.
    Aber ihr Zorn ist mehr als verständlich. Und die faschistischen Tendenzen sehe ich nicht bei AfD und Co., sondern im Multikultiwahn der Grünen und Linken, beim politischen Islam, bei einer entfesselten gewaltbereiten sogenannten Antifa. Von dort her werden Grundrechte ausser Kraft gesetzt, Naturgesetze als „konstruiert“ abgetan ( Gender), den Arbeitenden im Land unerträgliche Belastungen zugemutet.
    Wer Frau Sievers „rechts“ verortet, weil sie sich über himmelschreiende Mißstände aufregt und diese in einer, wie ich finde, flotten und witzigen, manchmal sarkastischen Sprache brillant beschreibt, der hat sie nicht verstanden. Oder ich müsste mich fundamental geirrt haben ?!
    Den Artikel finde ich glänzend geschrieben ! Danke dafür!

  4. „Wer schon am Boden liegt, auf den darf man gern noch eintreten.“ Und wer einst am Boden lag, nimmt sich heute das Recht und einen 3 Jahre alten Zeitungsbericht und tritt nun gegen eine Familie aus, deren „aufwändiger Lebensstil“ darin bestehe, dass 13 Leute sich eine 6-Zimmer-Wohnung teilen. Das sind ja nur etwas mehr als 2 pro Zimmer! Was für ein Aufwand! Und dazu gebe es noch „kostenlose Schulspeisungen, Sozialarbeiter vom Jugendamt, öffentliche Tafeln, Bildungspakete, Sozialtickets“, während man selbst, als man Schülerbafög beantragte, „wie Dreck behandelt“ wurde. Es mag verständlich sein, dass man erlittene Demütigungen (die ja nicht nur von Beamten kamen, sondern auch vom Vater, der „zum Bezug von Sozialleistungen (…) zu stolz“ gewesen sei und die Tochter lieber die Kleidung der Brüder auftragen ließ) irgendwie kompensieren muss, wer aber ein wenig nachdächte, käme zu dem Ergebnis, dass an den Verhältnissen, die Tafeln und Schulspeisungen in einem reichen Land (das sich das Schülerbafög längst nicht mehr leisten zu können meint) notwendig machen, irgendetwas nicht stimmen kann.
    Wer nicht nachdenken will, verbreitet anti-PC-Langeweile („Political Correctness war noch nicht erfunden“), macht für die Armut die Armen selbst verantwortlich und vergisst auch nicht den Rassismus, indem sie als „Teil unseres bunten multikulturellen Alltags“ denunziert werden.

    • Lieber thomasexgotha, ich habe wirklich keine Lust mehr, Ihr Getrolle auf meiner Seite zu dulden. Künftig kann es sein, dass versehentlich nochmal einer Ihrer Kommentare freigeschaltet wird. Aber er wird auf jeden wieder Fall gelöscht. Ich mag keine deutschen Spießer, die feige aus ihrer sicheren Anonymität heraus Leute angreifen.

      • Sehr geehrte Frau Sievers,
        ob es weniger spießig ist, sich darüber zu beklagen, es werde staatlicherseits ein Dreizehn-Personen-Haushalt „durchgefüttert“, mögen Sie selbst beurteilen. Oder auch nicht. Tun Sie halt, was Sie nicht lassen können, nur den Vorwurf der „sicheren Anonymität“ lasse ich ungern stehen und verbleibe
        Mit freundlichen Grüßen
        Thomas Schweighäuser

      • Liebe frau Sievers,

        seien sie doch bitte so souverän und gelassen und erlauben Herrn Schweighäuser mitzudebattieren. Ist doch interessant zu sehen wie er tickt. Und wir sollten uns nicht auf das Niveau der Gesinnungsdiktatoren aus der linksgrünen Ecke herunterzerren lassen. Darauf warten die doch nur.
        Beste Grüsse
        Ben Wilmes

  5. …wer mit 24 Jahren 8 Kinder mit 2 Frauen im Gastland BRD, zum Teil „parallel“ gezeugt hat, die allesamt vom Staat leben, sollte nicht von welcher Zeitung auch immer hofiert werden, vom Bundespräsidenten und der Stadt Gelsenkirchen „belohnt“ werden. Wofür ??? Ist der Mann denn wirklich arm ?! Würden Sie, Thomas ex Gotha, wenn Sie ARM sind, 8 Kinder ( in Zahlen: ACHT) zeugen ( oder bekommen, falls Sie eine Frau sein sollten)?! Würden Sie, wenn Sie sich, aus welchen Gründen auch immer ( mangelnde Virilität scheidet in diesem Fall wohl aus), nicht selbst ernähren können, in einer grundgesetzwidrigen Weise ( Bigamie ist strafbar) in eine derartige Abhängigkeitssituation manövrieren ?! Würden Sie aus einer solchen Situation heraus, ohne Zweifel und Skrupel und einem Minimum an Gespür für Eigenverantwortung den Anspruch an ein Haus mit Garten formulieren ?! Ich denke, Frau Sievers hat alles Recht dieser Welt diesen skandalösen Fall zu kommentieren, durchaus auch emotional. Und den Begriff der PC hat vor bereits über 20 Jahren Dieter E. Zimmer exakt beschrieben und vor seinen Auswirkungen gewarnt.
    Ja, wer nicht nachdenkt bezeichnet eine Kritik wie die von Frau Sievers als „rassistisch“ und langweilig.
    Schade.

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