Also sprach Kassandra

Kassandra hieß die Tochter des trojanischen Königs Priamos. Ihr wurde das tragische Schicksal zuteil, stets Unheil vorherzusehen. Das wäre eigentlich eine große Gnade gewesen, nur hatte die Sache einen beträchtlichen Haken: Niemand schenkte ihren Weissagungen Glauben. Kein leichtes Schicksal für die Frau. Ich kann das nachvollziehen, denn obwohl mir meine Eltern den wenig attraktiven Namen Antje gegeben haben, hätte ich genauso gut Kassandra heißen können.
Als am 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers in sich zusammen gestürzt waren und ich viele Mitmenschen damit maßlos brüskierte, dass ich mich nicht über 3000 tote Zivilisten freuen konnte und sofort jeden aus meinem Bekanntenkreis entfernte, der „die Juden“ hinter dem islamfaschistischen Terrorakt vermutete, war ich augenblicklich überzeugt davon, dass es bald auch große Anschläge in Europa geben würde. Man hielt mich für vollkommen bekloppt. Es folgten 2004 und 2005 die Terroranschläge von London und Madrid; das diesjährige Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ war ein weiterer trauriger Höhepunkt.
Als ich sah, dass viele türkischstämmige Musliminnen im Gegensatz zu ihrer Mütter- und Großmüttergeneration begannen, sich zu verschleiern und ihre Gatten, Väter und Brüder in jedem Satz mindesten einmal die Begriffe „Stolz“ und „Ehre“ verwendeten, sah ich, wie üblich, Probleme voraus. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Türken in Deutschland von allen Migrantengruppen am wenigsten gut integriert sind (1).
Vor eineinhalb Monaten publizierte ich meinen Artikel „Wir können Asyl (2)“ auf diesem Blog, und, wie könnte es anders sein, die meisten meiner Befürchtungen sind seitdem eingetroffen. Die Zahl der zu erwartenden Flüchtlinge hat sich inzwischen verdoppelt. Auch auf den noch anstehenden Familiennachzug ist man mittlerweile gestoßen, wenn auch spät (3). Und nun sind sich sogar Wirtschaftsexperten einig, dass sich der Traum vom Ende des Fachkräftemangels und der zügigen Integration der Flüchtlinge wahrscheinlich doch nicht so schnell erfüllen wird; ja, von der „Kostenfalle Flüchtlinge (4)“ ist auf einmal die Rede. Irgendwie muss sich mittlerweile der Gedanke Bahn gebrochen haben, dass nicht jeder Europäer begeistert ist über das, was man so diplomatisch „die große Herausforderung“ nennt, weil man sich nicht traut, von der Überforderung zu reden, um die es sich handelt. Irgendwie müssen inzwischen die Zweifel begonnen haben, ob „wir das schaffen“.
Da nützt auch die emotional hoch aufgeladene Propagandaschlacht nichts, die die Medien tagtäglich aufbieten, um uns die Flüchtlingskrise schönzureden. Sogar die ARD hat inzwischen eingeräumt, dass sie bei den Bildern manipuliert hat(5). Denn natürlich rufen kulleräugige Kinder mehr Mitgefühl hervor, als Horden von aggressiven Jungmännern, die mit Knüppeln aufeinander eindreschen (6). Drastische Berichte von brutalen Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften, von Totschlag (7), Raub, Vergewaltigung, erzwungener Prostitution und sexueller Belästigung von Frauen und Kindern passen nun mal schlecht in das Bild vom verfolgten Opfer. Und das soll dem Bundesbürger offensichtlich um jeden Preis geboten werden (8). Ich denke da nur an die peinlichen Focus-Online Artikel von den wundersamen Auffindungen prall gefüllter Brieftaschen durch Bewohner von Asylantenheimen. Wieso halten Journalisten solche Meldungen überhaupt für erwähnenswert? Könnte es damit zu tun haben, dass sie im tiefsten Inneren Zweifel an der Integrität der neuen Nachbarn hegen? Gehört die Meinungselite am Ende zu den schrägen Tugendterroristen, die ihrer polnischen Putzfrau einen Zehner unter den Teppich legen, um zu prüfen, ob sie den auch brav abliefern wird?

Wenn man nicht gerade völlig bekloppt ist, dann spürt man, wie verlogen die Berichterstattung
in den Medien ist, wie verkommen die gegenwärtige Debattenkultur und wie vergiftet das Meinungsklima in einem Land, wo die Politikerdarsteller sich über einen Papp-Galgen auf der Pegida-Kundgebung mehr aufregen als über den, an dem in Teheran Schulmädchen und Homosexuelle baumeln. Die ihrem blöden Volk am liebsten das mitdenken, mitreden und demonstrieren verbieten möchten. Die Andersdenkende gerne außer Landes schicken würden („Geht doch nach drüben!“ hat man uns früher schon immer gesagt).
Die R + V Versicherung hat innerhalb einer repräsentativen Umfrage (9) festgestellt, welche Angst die Bundesbürger 2015 am meisten umtreibt, und siehe da, es ist die Angst vor Konflikten durch die Zuwanderung. Wie schaffen es die Politiker, die sonst jede Pipifax-Angst ihrer Wähler mit Grabesstimme „sehr ernst nehmen“, diese doch offensichtlich in hohem Maße vorhandenen Ängste ihrer Mitbürger zu ignorieren? Oder träumen sie am Ende schon davon, die Gehirnlappen ihrer Wähler zu manipulieren? Gehirnforscher wollen nämlich just in diesen Zeiten herausgefunden haben, dass sich nicht nur der „Flüchtlingshass“ sondern auch der „Gottesglaube“ in den Gehirnregionen ausschalten lassen sollen (10). Woody Allens Gehirnwäsche vom Revolutionär zum regimetreuen Automatenbürger in „Der Schläfer“ scheint keine ferne Zukunftsmusik mehr zu sein.

Als Akif Pirinçcis Artikel 2012 plötzlich bei achgut auftauchten, sah ich, wie könnte es anders sein, Böses voraus. Spätestens seit seiner berüchtigten Pegida-Rede weiß jeder, was ich meine.
Ich mochte seine vulgäre Sprache nicht und seine krawalligen sozialdarwinistischen Thesen. Sein kaum verhohlener Frauen- und Schwulenhass widerte mich an. Ich weiß, wann ich jemanden mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung vor mir habe. Und ich wusste sofort: das wird Ärger geben. Und es gab Ärger. Er ist mir seither kaum sympathischer geworden, aber ich habe eines begriffen: Pirinçci ist eine Kategorie für sich. Wer Pirinçci haben will, darf sich nicht wundern, wenn er Pirinçci bekommt. Jeder kennt inzwischen seine kompromisslose Rhetorik. Umso mehr muss man sich über das rückgratlose Wegducken von Pegida-Chef Lutz Bachmann (11) wundern und die zur Schau getragene Empörung all derer, die ihn jahrelang glücksbesoffen auf Facebook bejubelt haben. Wie gesagt, ich mag ihn nicht. Aber die Reaktion auf die Rede, die, wie er mittlerweile selbst eingeräumt hat, ein Fehler war, erschüttert mich. So heißt es, Random House habe dem Druck der anderen Autoren nachgeben und sich geweigert, weiterhin Pirinçcis Bücher aus-zuliefern. Andere Verlage stornieren die Verträge. Prompt hat schon der erste Buchhändler öffentliche Schredderungen seiner Werke angekündigt. Amazon hat ihn aus seinem Angebot komplett gelöscht. Es soll also ein Autor mundtot gemacht und seine Existenz gezielt vernichtet wer-den. So etwas ist heute von einen Tag auf den anderen machbar. Und das ist ebenso beängstigend wie ekelerregend.

Die entscheidende Fragestellung ist völlig falsch und sie war es von Anfang an. Sie sollte nicht heißen „Schaffen wir das?“, sondern „Schaffen die das?“
Werden die Menschen, die täglich in einer Zahl von bis zu zehntausend unsere Grenzen passieren, an denen die Sicherheitslage, während ich dies schreibe, außer Kontrolle geraten ist, die tadellosen europäischen Neubürger werden, die wir gern sehen würden? Tragisch zu nennen ist auf jeden Fall die Situation all derjenigen, die sich das Asyl mehr als jeder andere verdient haben, die sich auf ein Leben in Frieden und Freiheit gefreut haben und dann als religiöse Minderheit, als Homosexuelle oder Frauen (12) unter den Übergriffen der überwältigenden Mehrheit der muslimischen Jungmänner zu leiden haben, die in den Heimen offensichtlich, ohne dabei von lästigen Sozialarbeitern behindert zu werden, ihrer freien Entfaltung nachgehen dürfen.
Es ist mir schnurzpiepegal, ob die Neubürger die deutsche Leitkultur akzeptieren, denn was das genau sein soll, weiß sowieso keiner. Wen interessiert’s, ob ein neuer Bundesbürger lieber Schawarma als Gulasch isst, lieber Oum Kalsoum als Helene Fischer hört und lieber ins Hamam als ins Freibad geht. Das Entscheidende wird sein, dass sie die Werte der Aufklärung, die die Grundlage unserer Verfassung und unseres Grundgesetzes sind, übernehmen. Und da sehe ich schwarz. Es wird uns um die Ohren fliegen. Kassandra wird wieder haareraufend um Trojas Mauern streifen und klagen.

1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/migranten-studie-tuerken-sind-mit-abstand-am-schlechtesten-integriert-a-603294.html
2) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutschland_im_glueckstaumel_wir_koennen_asyl_wie_sonst_keiner
3) http://www.merkur.de/politik/fluechtlingskrise-aktuell-ilse-aigner-erwartet-sieben-millionen-menschen-familiennachzug-5604102.html
4) http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/fluechtlingskrise-kostenfalle- fluechtlinge/12439214.html
5) http://www.focus.de/kultur/medien/tagesschau-und-tagesthemen-ard-raeumt-falsches- fluechtlingsbild-ein_id_5001222.html
6) http://m.abendblatt.de/hamburg/harburg/article205254263/Fluechtlinge-ziehen-mit-Knueppeln-bewaffnet-durch-Harburg.html
7) http://www.express.de/koeln/fluechtlingsheim-in-huerth-mann-totgepruegelt-und-mit- senfoel-angezuendet—anklage-gegen-30-jaehrigen-erhoben,2856,31341116.html
8) http://www.focus.de/politik/videos/relevante-ereignisse-verschweigen-polizei-forderte-journalisten-auf-nicht-ueber-fluechtlingslage-zu-berichten_id_5036357.html
9) Brigitte Nr. 22, „Gefühle – Die neuen großen Sieben“
10) http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gehirn/forschung/forscher-behaupten-fluechtlingshass-und-gottesglaube-lassen-sich-im-gehirnausschalten_id_5030626.html?utm_campaign=facebook-focus-online-gesundheit&fbc=facebook-focus-online-gesundheit&ts=201510231250
11) http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-10/pegida-lutz-bachmann-entschuldigung-akif-pirincci-rede-dresden
12) http://www.welt.de/politik/deutschland/article147722602/Schwule-Fluechtlinge-von-Moslems-gepeinigt.html
http://www.br.de/fernsehen/das-erste/sendungen/report-muenchen/videos-und-manuskripte/gewalt-gegen-religioese-minderheiten100.html
http://www.welt.de/politik/deutschland/article147725757/Ausserhalb-des-Heims-fuehle-ich-mich-sicherer.html