Jetzt kommt Henriette

Vor einigen Wochen sah ich in einer Buchhandlung den Titel „Achtung, ich komme – In achtzig Orgasmen um die Welt“ von Henriette Hell
http://belleettriste.shopasp.de/shop/action/productDetails/25996195/henriette_hell_achtung_ich_komme_3764505451.html?aUrl=90007260&searchId=39
liegen und schaute neugierig hinein. Nun ja, andere Zeiten, andere Sitten. So schreiben die Kids von heute nun mal – ungebildet, strunzdumm, und wenn sie aufs Gymnasium kommen, können sie häufig noch nicht lesen und schreiben. An diesem Zustand wagen die Lehrer bis zum Abitur nicht mehr zu rütteln.
Von „pinken“ Vibratoren war also die Rede, gut angezogene Frauen wurden „Schicksen“ genannt, das häufigste Adjektiv war selbstverständlich „krass“ und McDonald’s hieß erwartungsgemäß „McDoof“. Stilistische Schlampereien wie „an die Wüste angrenzen“ ließen die Buch-händlerin mir gegenüber zu der Bemerkung hinreißen, dass viele literarische Erzeugnisse ihres Wissens nur noch sehr ungenügend lektoriert würden.
Dann erfuhr ich kürzlich im Internet, dass dieses Buch nicht etwa von einer fünfzehnjährigen Modebloggerin, sondern, man glaubt es kaum, von einer Frau Mitte zwanzig verfasst wurde. Und zwar von einer Journalistin. Henriette Hell hat laut Klappentext schon für Spiegel, GEO, Grazia und die Hamburger Morgenpost gearbeitet.
Mit sechsundzwanzig Jahren steht sie nun an den Marken ihrer Tage, blickt zurück auf ein langes, freudloses Sexleben und stellt fest: Es stimmt überhaupt nicht, dass Sex mit dem Alter immer besser wird. Und so beschließt sie, sich einmal rund um den Globus zu vögeln, um endlich die ultimative Erfüllung zu finden.
In ihrem Ausgangsanliegen muss man ihr allerdings Recht geben. Es stimmt was nicht mit dem Sexualleben von jungen Frauen. „Das Verlangen der deutschen Männer nach Bestätigung im Bett durch den weiblichen Orgasmus ist zu einem riesigen Problem für uns Frauen geworden“ räsoniert Hell. In der Tat ist es problematisch, dass Jugendliche heute vielfach in großem Stil Pornos konsumieren, bevor sie überhaupt Sex haben. Denn selbstverständlich wirken Pornos stilbildend auf das sexuelle Alltagsverhalten. In den Achtziger Jahren beispielsweise hieß es für Frauen, sie müssten unbedingt in der Lage sein, Sperma herunterzuwürgen, sonst seien sie verklemmte Pfeifen im Bett, würden niemals einen Kerl abkriegen und könnten sich am besten gleich erschießen. Heute dagegen kann man in jedem braven Hausfrauenblättchen lesen, dass man sich das Sperma in Gesicht spritzen lassen muss, am besten nach mehrfachem Stellungswechsel und – das sowieso – Analverkehr, vorzugsweise mit mehreren Personen beiderlei Geschlechts. Denn sonst wäre man eine verklemmte Pfeife im Bett etc., siehe oben. Und grandiose Höhepunkte sollten dabei natürlich wie von selbst herausspringen.
Pornos sind Sex-Märchen für Erwachsene. Wenn die Jugend eines aus Pornofilmen über Sex lernen kann, dann, dass die Frauen auch in der wirklichen Welt virtuos Orgasmen vortäuschen. Denn laut jüngsten Forschungsergebnissen http://www.welt.de/gesundheit/article123477244/Der-weibliche-Orgasmus-bleibt-voller-Geheimnisse.html
haben nur 14 % aller Frauen beim Sex regelmäßig einen Höhepunkt. Es funktioniert also selten oder eher gar nicht so, wie man es aus Pornofilmen kennt. Dennoch wird von Frauen immerzu ein Orgasmus erwartet, mitunter sogar verlangt. Henriette Hell ist mit diesem Problem beileibe nicht allein. In Internetforen beklagen sich junge Frauen bitter über dieses Problem und die Zumutungen der ihnen abverlangten Sexualpraktiken.
Wenn deutsche Männer überhaupt in der Lage seien, es einer Frau mal ordentlich zu besorgen, dann aus rein egoistischen Motiven, meint die Autorin. Deshalb zieht sie hinaus in die weite Welt, um zu erfahren, ob es woanders auch noch anders geht. Warum Henriette Hell allerdings in Länder reist, wo man von sexueller Selbstbestimmung der Frauen, ja häufig nicht einmal der Männer jemals etwas gehört hat, bleibt ihr Geheimnis.
Als erstes verschlägt es sie nach Indien, dem Land, das das Kamasutra hervorgebracht hat und in dem sich die Durchgeknallten dieser Erde von jeher ein fröhliches Stelldichein geben. Gut kommen kann Henriette schlecht, aber schlechte Bräuche relativieren kann sie gut: Die indische Form der arrangierten Heirat, bei der sich die Partner nicht einmal vor der Eheschließung sehen dürfen, sei vielleicht viel angemessener, als das was die Europäer abziehen, meint die Autorin. Die Schuldigen an ihrer Misere sind auch bald punktgenau ausgemacht – es sind die prüden Amis, die die Pornofilmindustrie am Leben halten und gleichzeitig so moralisch und christlich tun, und so wird der Sex mit einem der New Yorker „Anzugaffen“ prompt zum Desaster.
Die Journalistin weiß von der großen weiten Welt praktisch gar nichts, das muss man leider festhalten. Die Pyramiden sind bei Kairo? In Tansania ist man arm? Die Menschen in Kambodscha heißen Khmer? Krass!
Aber, auch das muss erwähnt werden, es hat irgendwie etwas außerordentlich Erfrischendes, wenn Hell wie Alice im Wunderland durch die Welt rauscht und alles mit großem, bunten Kinderstaunen auf sich wirken lässt und in der Regel nicht besonders viel versteht von dem, was sie dort sieht und erlebt. In Ägypten stellt sie fest „anständige Männer aus Ländern, in denen das Frauenbild eine Katastrophe ist, haben häufiger das Bedürfnis an einer einzigen (ausländischen) Frau alles wieder gut zu machen, was ihre chauvinistischen, kriminellen Landsmänner angerichtet haben“. Schön wär’s ja, aber auch in Ägypten gibt es Blogs und Facebook, wo jeder, der in der Tourismusindustrie arbeitet, sich informieren kann, was Touristinnen gern hören wollen, damit man am Unkompliziertesten in deren Brieftaschen/Höschen gelangt. So wie Kameltreiber Jasam es denn auch in Rekordzeit bei Henriette schafft. Würde seine genitalverstümmelte Schwester sich derartig befummeln lassen, hätte sie vermutlich das letzte Mal die ägyptische Sonne gesehen. Aber das weiß Henriette nicht und sie möchte es auch gar nicht wissen.
Und so ist sie ein gefundenes Fressen für fasche Yoga-Gurus, zugeknallte Möchtegern-Tänzer und siffige Höhlenbewohner, sie probiert alles einmal aus und macht rasant Fortschritte.
Bei ihrer ersten indischen Zugreise ist sie noch total angewidert, als ein Mitreisender sich angesichts der ungewohnten Situation einer alleinstehenden Frau im Abteil selbst befriedigt; anfangs schimpft sie noch auf die dummen Hippieweiber in Goa, die barbusig am Strand liegen, aber schon bald liest sie den rückständigen Indern die Leviten, wenn sie sie darum bitten, nicht mit nackten Schultern bei der Arbeit zu erscheinen und nimmt, ich habe das nicht erfunden, an einer hemmungslosen Orgie in einem Café teil, als wenn es kein Morgen gäbe.
Eines muss man ihr lassen, und das ist wirklich authentisch: Sie hat irre viel Spaß dabei.
Solange Kondome benutzt werden und man sich nicht darum schert, was die Sexpartner von einem halten – warum nicht. Etwas, um es ganz altmodisch auszudrücken, unromantisch ist der Leistungssport auf dem sexuellen Selbstfindungstrip schon: Der Typ ist irgendwie sexy, man wird sich mit einem „would you like to fuck?“ schnell einig und das einfühlsam eingeleitete Date endet auch mal mit einem kräftigen „fuck you“ hinterher. Man fragt sich, wo die Verführung bleibt, die erotische Stimmung, die pure Magie und die Prise Irrsinn, die es nun mal braucht, um tollen Sex zu haben. Ein einziges Mal erlebt die Autorin etwas derartiges, und zwar beeindruckenderweise mit einem hübschen Khmer in Angkor Wat. Immerhin.
Aber lassen wir Gnade walten. Als ich fünfundzwanzig war, fühlte ich mich auch zum ersten Mal nicht mehr zur Jugend gehörend; dachte auch, mit dreißig wäre man dann eine alte Frau und mit vierzig sei das Leben sowieso vorbei. Aber nur ruhig Blut. Der Sex wird wirklich mit den Jahren immer besser. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Und Männer wissen auch, wo Bartels seinen Most holt. Glaubt man den geschäftlichen Erfahrungen der Besitzerinnen von Nobel-Escort-Agenturen, dann gehen die Edelhuren ab Vierzig über die Theke wie geschnitten Brot. Wer sagt’s denn.

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4 Gedanken zu „Jetzt kommt Henriette

  1. In der Realschule wurde mir nur die Note 4 für den Deutschunterricht vergönnt, zu schlecht waren Grammatik und Interpunktion.
    Daher begrüße ich sogar in gewisser Hinsicht die allgemein grassierende Degeneration, denn sie lässt mich diesbezüglich reziprok eloquenter wirken.
    Wie sagt man so schön: wenn die Sonne der Bildung tief steht, werfen selbst die literarischen Zwerge große Schatten.

  2. „Wenn deutsche Männer überhaupt in der Lage seien, es einer Frau mal ordentlich zu besorgen, dann aus rein egoistischen Motiven, meint die Autorin.“

    Ja warum denn auch nicht? Ist es die Aufgabe des Mannes Frauen Glück zu bereiten? Nein nein, Schätzchen, für sein Glück muss jeder und jede selbst sorgen. Auch im Bett. Einfach nur da liegen und es sich besorgen lassen is nicht.

  3. Es haben mich wieder zahlreiche Zuschriften erreicht, aber ich werde den Deubel tun und weiter Kommentare veröffentlichen von irgendwelchen Charakterschlampen, die zu feige sind, sich erkennen zu geben.

  4. Immer wieder erfrischend, bei Ihnen hereinzulegen, liebe Antje Sievers. Und auch als Mann weit jenseits des Verdachts, noch Jugend zu sein, kann ich die merkliche Verbesserung sexueller Spaßhabigkeiten mit zunehmender Entfernung vom ersten Geburtstag herzhaft bestätigen 😉

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