In die Wüste geschickt

Salim ist ein Beduine aus der Negev-Wüste in Israel. Salim lebt, unter anderem, von der Kamelzucht, vom Erfinden zusammengelogener Geschichten für Touristen, vor allem aber vom Drogenhandel. „Das ist meine Art, die Israelis nach und nach umzubringen.“, sagt er selbstzufrieden. Außerdem ist Salim noch Dieb, Betrüger, Lügner, Bigamist und ein brutaler Psychopath, der Frauen und Kinder schlägt und auch vor Vergewaltigung nicht zurückschreckt. Was kann eine hübsche junge Frau, die achtzehnjährige Studentin Berit Kessler aus Jena, dazu bringen, sich in eine totale psychische und physische Abhängigkeit von so einem Mann zu begeben?
Das Buch „Ich werde immer um euch kämpfen“, das nun bei Bastei Lübbe erschienen ist und die Geschichte ihres jahrelangen Martyriums erzählt, gibt keine wirklich befriedigende Antwort auf diese Frage. Berit Kessler reist Ende der neunziger Jahre kurz nach dem Abitur als Volontärin in den Kibbuz Ein Gedi am toten Meer. Dort trifft sie auf den Beduinen Salim, der Wüstentouren für Touristen organisiert. Die Autorin ist fasziniert von der Schönheit der Wüste und bald auch von dem Wüstensohn, der ihr, so kommt es ihr jedenfalls vor, mit viel Respekt begegnet und ihr eine ganz neue Welt erschließt. Zudem scheint er überhaupt nicht von seiner Kultur geprägt zu sein; er macht sich über sein „Beduinenkostüm“ lustig, das er nur für die Touristen trägt; er ist nicht einmal praktizierender Muslim. Er ist genau ein Mann wie aus dem Westen, nur mit Exotik-Faktor.
Nach vier Jahren Fernbeziehung wird die Autorin von ihm schwanger. Sie beschließt, zu ihm nach Israel zu ziehen und dort das romantische Wüstenleben fortzuführen, auch wenn sie keine konkrete Vorstellung davon hat, wie dies aussehen wird und wovon sie dort leben soll. Mit der Eheschließung nehmen die Ereignisse den rasanten Verlauf einer alles erschlagenden Gerölllawine: In ein paar Sekunden zum Islam konvertiert und verheiratet, abgeschoben in eine schäbige Wohnung in Mitzpe Ramon, findet sie sich, nachdem ihre Ersparnisse aufgebraucht sind, alsbald als rechtlose Zweitfrau eines Mannes wieder, von dem sie finanziell und emotional vollkommen abhängig ist und der sie behandelt wie den letzten Dreck. Sie wird noch ein zweites Mal und, nach einer Vergewaltigung, ein drittes Mal schwanger. Es beginnt eine Spirale von Gewalttätigkeiten gegenüber ihr und ihren Kindern. Die Ehe wird geschieden, das Sorgerecht aber nach vielen Kämpfen dem Vater zugesprochen, der mit den Söhnen für immer längere Perioden in der Wüste verschwindet. Doch entrinnen kann Berit Kessler ihrer unerträglichen Situation nicht; ohne die Zustimmung des Ehemannes kann sie ihre Kinder nicht nach Deutschland bringen. Sie lebt über zehn Jahre illegal in Israel und hat keine Arbeitserlaubnis; sie vegetiert bitterarm von ein wenig Sozialhilfe, die sie vom Land Thüringen erhält.
Im Jahr 2009 geht Berit Kessler zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Sie richtet einen Blog ein, tauscht sich in Internetforen aus. Über ihre Geschichte wird in der „Jüdischen Allgemeinen“ berichtet, ebenso in der israelischen „Jedi’ot Acharonot.“. Aber konkrete Hilfe ist nicht in Sicht.
Wer die begrenzten sprachlichen Mittel der Autorin bereits von ihrem Blog kennt, muss davon ausgehen, dass das Buch vorwiegend aus der Feder der Koautorin Beate Rygierl stammt. Befremdlich wirkt, dass im Text Städte wie Tel Aviv und Jerusalem kursiv geschrieben werden, ganz so, als handele es sich um unbekannte Hüttendörfer irgendwo am Sambesi. Der Gazastreifen hingegen nicht, dafür ist er „sogenannt“ und wird von Israel ständig angegriffen. Man ist sehr bemüht, als Schuldigen am Leben der Berit Kessler in erster Linie die israelischen Behörden und deren Mitarbeiter herauszustellen: Polizei, Sozialarbeiter, Juristen und Beamte. Israel wird als rassistischer Staat dargestellt, in dem Deutsche als Nazis beschimpft werden. Der Negev zwischen Be’er Sheva und Mitzpe Ramon wird, so macht die Lektüre des Buches glauben, von vorn bis hinten vom Beduinenstamm ihres Mannes kontrolliert, der dort Mafiagleich alle Fäden in der Hand hat. Leider fehlt im Buch die groteske Episode von dem in Deutschland zum Psychologen ausgebildeten Beduinen, der Berit Kessler den Ratschlag erteilt, sich zu verschleiern, Beduinenessen zu kochen, sich an den Dreck in den Zelten zu gewöhnen und vor allem nicht mit irgendeinem Mann außer dem eigenen zu reden. Berit Kesslers Schicksal und das ihrer drei Söhne ist herzzerreißend. Aber es greift zu kurz, die Autorin ausschließlich als das Opfer übermächtiger Umstände darzustellen. Anfangs wird noch deutlich, dass sie eine resolute, selbstbewusste Frau ist, die ihr Leben in die Hand nimmt und bewusst Entscheidungen für sich trifft. Vier Jahre Fernbeziehung sind eine lange Zeit. Diese Zeit hätte sie fraglos gut nutzen können, um sich über die israelischen Gesetze, die archaischen Bräuche der Beduinen und – last not least!- den Islam zu informieren. Stattdessen stürzt sie sich kopflos in ihr bizarres Wüstenabenteuer und gibt auch nach jedem neuen Fehlschlag, jeder Misshandlung und etlichen Aufenthalten im Frauenhaus nie die Hoffnung auf, dass sich doch noch irgendwie alles zum Guten wenden möge. Man möchte es ihr wirklich wünschen.

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