Jeder hat Baustellen …

Zwei Jahre wohne ich jetzt schon neben einer Riesenbaustelle. Auf einem halben Kilometer Länge wird täglich bis zu zehn Stunden gebaggert, gebohrt und gerammt. Dann schreiten die Rohrverleger zur Tat, und anschließend wird alles wieder hübsch zugeschaufelt und an der nächsten Stelle weitergebuddelt. Ab und an wird auch alles wieder aufgerissen und erneut gebaggert, gerammt und gebohrt. Da das ganze auf mehreren Kreuzungen an einer der Verkehrshauptschlagadern der Stadt geschieht, herrscht seitdem ein ungeheures Chaos. Dabei ist alles verkehrstechnisch bestens geregelt: Fußgängerüberwege sind gesichert und gekennzeichnet, mobile Ampelanlagen errichtet, Stoppschilder aufgestellt.
Trotzdem kommt es laufend zu Verkehrsunfällen. Diese Ecke der Stadt ist auch zu Baustellen-freien Zeiten ein kompliziertes Labyrinth von einspurigen 30-km/h-Einbahnstraßen, zweispurigen 50-km/h-Einbahnstraßen und vierspurigen Gegenrichtungsverkehrsstraßen. Seit einige davon voll gesperrt, verengt, verschwenkt und umgelegt wurden, ist die Hölle los.
Jeder Schritt vor die Tür ist eine Sache auf Leben und Tod. In sämtlichen Einbahnstraßen kommen einem zu jeder Tageszeit Fahrzeuge entgegen. Aus der falschen Richtung, wohlgemerkt. Aus den zweispurigen Einbahnstraßen, in denen 50 km/h zugelassen und Rad fahren in der Gegenrichtung absolut verboten ist, kommen einem nicht nur Radler entgegen, sondern auch Autofahrer. Damit sie die gefährliche Geisterfahrt möglichst schnell hinter sich bringen, fahren sie denn auch extrem zügig. Auch Mütter mit Kleinkindern auf dem Beifahrersitz tun das gern und oft. Und der Chauffeur seiner Exzellenz, des indischen Generalkonsuls. Die Radler sausen einem direkt vor den Kühler, bremsen im allerletzten Moment, bevor sie zu Brei gefahren werden und schreien einem aus Herzensgrund ins Gesicht: Arschloch! Drecksau! Kuh! Männer schreien zur Abwechslung: Schlampe! Hure! Fotze! Sie rasen auch gern auf abschüssigen Bürgersteigen auf Fußgänger los, und wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich auf einen Fußweg befinden, brüllen sie: Halts Maul! Die Stoppschilder, die zur Zeit die Ampel ersetzen, werden von der Mehrheit der Autofahrer völlig ignoriert; ob Kinder am Überweg stehen oder Gehbehinderte oder Mütter mit Kinderwagen, das geht ihnen völlig am Arsch vorbei. Die täglichen Staus werden auch schon mal schnittig über den Bürgersteig umfahren.
Neulich, als ich meinen Wagen bestieg, dachte ich resigniert: Was wird mir in dieser Einbahnstraße heute wohl entgegen kommen? Ein Harleyfahrer mit hundert Sachen? Nein, aber eine Fußgängerin mit einem gigantischen Rollkoffer im Schlepptau. Sie ging mitten auf der Fahrbahn und blieb mit einem debilen Blick direkt vor meinem Wagen stehen; einem Blick, der verriet, dass sie nicht einmal im Traum damit gerechnet hätte, dass ihr auf einer Straße ein Kraftfahrzeug entgegenkommen könnte …
Das war der Moment, wo ich am liebsten wie Walter Sobchak aus „The Big Lebowski“ mit einer Riesen-Wumme in der Luft herumgefuchtelt und geschrien hätte: „Ist denn die ganze Welt verrückt geworden? Bin ich hier die Einzige, der Regeln noch irgendwas bedeuten?“
Vor ein paar Monaten war es fast so weit: Uns fuhr ein Radfahrer auf das Auto. In der Einbahnstraße und aus der falschen Richtung. Es bildete sich augenblicklich diese Sorte Lynchmob, die ich gern als Handyfaschisten bezeichne. Wenn irgendwo ein Unfall passiert, tauchen sie wie aus dem Nichts auf und fotografieren alle Fahrzeuge und sämtliche Unfallbeteiligten mit dem Handy. Aufdringlich, widerwärtig, unheimlich. Die große Stunde der Gutmenschen hatte geschlagen: Armer, unschuldiger, iranischer Student wird von Biodeutschen zu Unrecht beschuldigt, Verkehrsunfall verursacht zu haben. Der junge Mann fing auch prompt an zu jammern, was das Zeug hielt: Seine Tasche sei kaputt, sein Fahrrad sei kaputt, er könne morgen nicht zur Uni, er sei krank, sein Knie täte weh, und er würde jetzt vermutlich durchs Examen fallen, sein Leben sei verwirkt, und wir wären schuld. Wir riefen die Polizei. Die Beamten kamen erfreulich schnell, klärten den Radfahrer in akzentfreiem Englisch freundlich über seinen Riesenfehler auf, worauf er schleunigst davon radelte. Gruß- und Entschuldigungslos. So was wie das hier, wurde uns berichtet, erleben Streifenpolizisten täglich von morgens bis abends. Keiner mache jemals mehr etwas verkehrt. So etwas wie Schuldbewusstsein, das gäbe es im Gegensatz zu früher gar nicht mehr. Es hätte auch gar keinen Sinn, die Unfallverursacher über ihr Fehlverhalten aufzuklären, das ginge hier rein und da wieder raus.
Sich Fehler einzugestehen und den Verantwortungen für das eigene Handeln zu stellen, gehört zu den elementaren Fähigkeiten, die man in Laufe seiner psychischen Entwicklung erwirbt. Fehlt diese Fähigkeit, dann ist in der psychischen Genese irgendetwas schief gelaufen. Psychiater, Pädagogen und Ärzte beobachten seit Jahren dieses ständig wachsende Phänomen:
Es gibt immer mehr Erwachsene, die in der psychischen Entwicklung auf der Stufe des allmächtigen Kleinkindes stehen geblieben sind. Ein solcher Mensch bleibt ein Leben lang in der Phase des frühkindlichen Narzissmus befangen; das heißt, seine eigenen Bedürfnisse sind der Motor seines Handelns, die der anderen nimmt er schlicht nicht wahr. Die Vorstellung, dass künftig mehr und mehr von solchen autistischen Persönlichkeitsgestörten herumlaufen werden, ist beängstigend. Aber es wird mir zweifelsfrei helfen, wenn demnächst wieder ein Radfahrer unter meinem Auto liegt. Wenigstens kann ich mir sagen: Was soll’s, der Mann ist schließlich krank!

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Ein Gedanke zu „Jeder hat Baustellen …

  1. Hallo Antje!
    In deinem Bericht vermisse ich nur noch den Hinweis auf all die Zombis mit Stöpsel in den Ohren und stieren Blick auf das Display ihres Handy.
    Ansonsten kann ich all das nur bestätigen. Aber das schlimmste ist das ich fesgestellt habe das ich mich diesen Menschen immer mehr anpasse und somit auch immer weniger Rücksicht auf die anderen Menschen um mich herum nehme. Obwohl man dies auch als eine Notwehr Reaktion sehen könnte. Gewissensbisse bekomme ich dann aber doch, weil ich denke es trifft geraden den Falschen.

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