Der kleine Unterschied

Seit Beginn der Operation „Protective Edge“ habe ich prompt schon wieder eine Freundin weniger. Stein des Anstoßes war, dass ich nach der Ermordung der drei israelischen Jugendlichen Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel spontan und in unschönen Ausdrücken äußerte, die Araber, die jetzt in Jerusalem mit Böllern und Knafeh dieses Massaker feierten, seien barbarisch und unzivilisiert. Die besagte Person verlinkte daraufhin einen Artikel, bei dem es um die Ermordung von Muhammad Abu Khdeir ging. Was sie mir damit sagen wollte, war, dass israelische Juden keineswegs besser oder schlechter seien als israelische Araber.
Als sich anderntags herausstellte, dass der arabische Junge wirklich von Juden ermordet worden war, war man in Israel schockiert, entsetzt, beschämt. Keiner feuerte vor Freude Knallfrösche ab, Kuchen wurde auch nicht verteilt. Die Mörder von Muhammad Abu Khdeir werden ihrer Strafe zugeführt werden; Straßen wird man nach ihnen nicht benennen und erst recht keine lebenslange Leibrente aus EU-Geldern aussetzen. Das ist der Unterschied. An diesem können weit weg in Deutschland vierzig Jahre alte Freundschaften zerbrechen.
Es gibt unter Deutschen kein emotional virulenteres Thema als den Nahostkonflikt. Jeder, und sei er noch so uninformiert, fühlt sich berufen, seinen Senf dazu zugeben, sobald in Israel die Waffen sprechen. Israelfreunde wägen in der Regel gut ab, wem gegenüber sie sich outen können. Denn fast immer führt ein Bekenntnis zum Judenstaat zu ermüdenden und emotional aufgeladenen Diskussionen. Außerdem hat man nach vielen Jahren und etlichen Kriegen keine Lust mehr, sich immer den gleichen Bockmist in oftmals identischen Satzbausteinen (sich drehende Gewaltspirale – Freiluftgefängnis Gaza – unverhältnismäßige Härte – selbstgebaute Kleinraketen – radikale Siedlungspolitik) anzuhören. Man macht immer wieder die Erfahrung, dass es um das Faktenwissen der Mitbürger kläglich bestellt ist: Ich wurde sogar schon gefragt, welche Religion man in Israel hätte und ob in dem Land auch Weiße leben würden. Dennoch haben viele Bundesbürger für Israel jederzeit eine friedliche, gewaltfreie Lösung frisch vom runden Tisch mit geschulten Mediatoren parat. Konfliktlösung kann so einfach sein. Wir Deutschen haben im Gegensatz zu den Israelis aus unserer eigenen Geschichte gelernt: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Vizeweltmeister.
Dass Gewalt nie eine Lösung war, ist und sein wird, lernt man heute schon beim Biomüsli in der Kita. Was aber viele irgendwie völlig verdrängt haben müssen: Hätte man unseren Großvätern nicht gewalttätig Einhalt geboten, dann würden wir heute im judenreinen Großdeutschland von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt noch immer Siegheil schreien.
Auch der größte Dummbeutel weiß, wer im Nahen Osten der Bad Guy ist. Mit dem Tenor der täglichen Berichterstattung, die man seit Wochen erleiden muss; die den Palästinensern immer alles und den Israelis grundsätzlich nichts glaubt, bleibt Israel stets der übermächtige Aggressor, übt alttestamentarische Rache, tötet unschuldige Kinder. Eine zeitgemäße Variante der mittelalterlichen Ritualmordlegende. „Kindermörder Israel“ schreit man denn auch folgerichtig auf den Demonstrationen.
In Internetforen gewinnt man den Eindruck, viele bedauerten bis heute, das man diese renitenten Juden nicht mehr hübsch im verbarrikadierten Ghetto halten kann. In der guten alten Zeit hatte man die Situation schließlich noch voll im Griff: Man schrieb Juden vor, wie sie zu leben, zu arbeiten und sich zu kleiden hatten. Wann sie sich unter den Christen bewegen durften und wann nicht. Man bestimmte die Höhe der Zinsen, die die Geldverleiher nehmen durften und konnte die Juden jederzeit ausräubern, demütigen, drangsalieren und ausweisen. Schließlich konnten sie sich ja in der Regel nicht wehren – das Tragen von Waffen war ihnen verboten. Diese Situation gab es überall in Europa. Aber nur in Deutschland führte sie letztendlich zum eliminatorischen Antisemitismus.
Der Antisemit von heute sieht sich mit der Existenz des Staates Israel dem Worst Case des Kontrollverlustes gegenüber: Es gibt einen Judenstaat, und dieser ist obendrein sehr gut in der Lage, sich zu verteidigen. Und so wird Israels Recht auf Selbstverteidigung prompt zu Staatsterrorismus und, von den ganz und gar Hemmungslosen, sogar zum Völkermord an den Palästinensern umgelogen.
„Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ witzelte einst der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex. Wohl wahr: Gut die Hälfte aller Deutschen ist nach Umfragen der Auffassung, die Selbstverteidigung Israels sei gleich zu setzen mit den Verbrechen der Schoa. Diese perfide Täter-Opfer-Umkehr hat auch Theodor W. Adorno als den psychischen Mechanismus der Projektion erkannt: Der Täter versucht, sich von seiner Schuld zu befreien, indem er dem Opfer die Rolle des Täters zuschiebt. In diese Kategorie fällt auch die bizarre Neurose, die sich unter dem Namen „Kostümjudentum“ etabliert hat: Nichtjüdische Personen des öffentlichen Lebens geben sich als Juden aus, um aus dieser Position heraus als moralische Instanz gegenüber den Juden und Israel auftreten zu können.
Wenn also dieser Tage die Nachrichten zu hören sind, dann setzt der Antisemit sich hin und freut sich vor Wut. Er darf sich rund um die Uhr in seinen Ressentiments bestätigt fühlen.
Antisemitismus hat seit Beginn der Operation „Protective Edge“ Hochkonjunktur.
Menschen, von denen fünfundneunzig Prozent nicht einmal wissen, wie man „Palästinenser“ buchstabiert, tun ungehemmt und öffentlich ihren Hass auf den Judenstaat kund. Auf anti-israelischen Demonstrationen kommt es zu den schlimmsten antisemitischen Ausschreitungen seit 1933:
„Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“ wurde auf den Straßen Berlins von jungen Arabern geschrien. Ausgerechnet von Vertretern einer brutalen Gewaltkultur, die sich hierzulande immer wieder durch gruppenweise begangene Verbrechen an wehrlosen Einzelnen auszeichnen. Die Halbherzigkeit, mit der man diesem Albtraum begegnete, spricht für sich:
Die WDR-Journalistin Sabine Rau bezeichnete in den Tagesthemen die antisemitischen Vorfälle der letzten Zeit als beschämend und inakzeptabel – schob aber sofort hinterher, dass letztendlich die israelische Politik der Auslöser für diese Vorkommnisse sei. Wie eh und je ist der Jude selbst schuld am Antisemitismus.
Israel darf man ja auf keinen Fall kritisieren, tönt es einem aus jeder Ecke der Republik entgegen. Dabei geschieht mit wenigen Ausnahmen in sämtlichen Medien nichts anderes. Dem Antisemiten aber ist es im Grunde vollkommen wurscht, wie Israel sich verteidigt, welche Mittel es dazu braucht, und wie viele Menschen dabei getötet werden. Dass es auf ein paar hundert tote Araber mehr oder weniger nicht ankommt, beweisen die Friedensbewegten dieser Erde seit Jahren eindrucksvoll mit ihrem Desinteresse am syrischen Bürgerkrieg. Den Antisemiten stört im Grunde auch nur eines: Dass es einen Judenstaat gibt. Und dass dieser sich seit über sechzig Jahren erfolgreich verteidigen kann.

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11 Gedanken zu „Der kleine Unterschied

  1. Danke Antje für Ihren ausgezeichneten Artikel. Freunde macht man sich nicht im Bekannten- und Familienkreis, wenn man sich zu Israel bekennt. Im Internet lernt dagegen viele neue kennen. Ursache? Kant ist mit seiner Forderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, wohl nie richtig verstanden worden. Ist auch etwas unbequem, wenn ARD und ZDF doch so toll für uns denken.

  2. Hervorragende Zusammenfassung der gegenwärtigen Stimmungslage und ihrer Ursachen! Es ist schon bemerkenswert, wie der linke und rechte Antisemitismus zueinander finden.

  3. Danke! Das spricht mir aus der Seele und tut gut. Als Israelfreundin war auch ich lange zurückhaltend mit dem Outen, weil man auf völliges Unverständnis und viel argumentativen Blödsinn stößt. Jetzt da sich der Antisemitismus so stark outet, wird’s Zeit. Freunde gewinnt man damit nicht, schafft aber viel Klarheit, und hier und da finden sich Gleichgesinnte, ob im Internet wie hier oder draußen, und auch das tut gut.

  4. Danke, Frau Sievers! 4 Freunde und das ungetrübte Verhältnis zu unseren Nachbarn habe ich in den letzten Wochen verloren an den Antisemitismus. Es ist furchtbar. Traue mich kaum noch, das Thema Israel anzuschneiden, denn ein Antisemit fällt sozusagen bedingungslos aus meiner Gunst.

  5. Es stimmt alles, was Sie schreiben, liebe Antje Sievers, bis auf eines: „Denn fast immer führt ein Bekenntnis zum Judenstaat zu ermüdenden und emotional aufgeladenen Diskussionen.“ ‚Denn fast‘ kann getrost gestrichen werden, dann stimmt der Satz. Er gilt weltweit, auch hier, 10.000 Kilometer weit weg von Israel und auf der südlichen Hemisphäre.

  6. Vielen Dank für diesen Artikel. Und ich dachte es geht nur mir so! Viele sogenannte ‚Freunde‘ (die nur Feunde sein wollen wenn man genau die gleichen Ansichten hat wie sie), brechen ohne jeden Kommentar den Kontakt zu mir ab (u.a. ‚defriend‘ button auf Facebook – eine frühere Kollegin und Freundin in England, etc). Dabei häte ich niemals gedacht, dass die so eingestellt sind, dass sie mich wegen meiner Unterstützung und meines Verständnisses für die israelische Politik (in Form von Nachrichten-Retweets etwa) gleich als eine ‚Extremistin‘ einstufen würden. Ich dachte die könnten eine differenzierte Sichtweise wenigstens in Betracht ziehen oder ansatzweise tolerieren oder. – In solchen Situationen sieht man aber erst wie manche Leute wirklich ticken!

  7. Liebe Antje,

    Ihr Artikel war in seiner präzisen Analyse der Stimmungslage nicht nur bestechend, erfrischend und inspirierend, er liefert auch brillante „Soundbites“ und bitter notwendige Denkanstösse.

    Sie schütteln effektvoll an der Selbstgerechtigkeit, der „Wohlmeinenden“

    Ich danke Ihnen sehr.

  8. Ja, liebe Antje, leider ist das so, wie Du schreibst! Selbst als ich letztes Jahr in meinem Freundes- und Bekanntenkreis mit Begeisterung verkündete, 2 Wochen nach Israel zu gehen, wurde ich komisch angeschaut und man war befremdet… Und als ich danach mit gleicher Begeisterung erzählte, wie gewaltig und unglaublich modern dieser Staat ist trotz der andauernden Bedrohung und der ständigen Angriffe von arabischer Seite, kamen laue oder überhaupt keine Antworten zurück. Was ich überhaupt nicht verstehe, ist der zunehmende offene Antisemitismus auf linkspolitischer Seite. Ausgerechnet jene, die doch Gerechtigkeit und Menschlichkeit auf ihre Fahnen schreiben und am liebsten die ganze dritte Welt in der Schweiz aufnehmen wollen (ausser, es handelt sich um Juden!). Sie vergessen bei ihren Beschimpfungen auf Israel, dass alle Kriege in Israel ausnahmslos von arabischer Seite vom Zaun gebrochen werden! Ich frage mich da ständig, was denn eigentlich in diesen Köpfen vorgeht? Ich versteh’s nicht!

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