100% tattoofrei

Neulich ging ich an einem etwa sechzehnjährigen Mädchen vorbei, dessen Dekolleté breitflächig von einem bunten, tätowierten Cupcake geziert wurde. Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Früher galten Tätowierungen als vulgär und proletarisch, ja geradezu verdächtig. Es gab eigentlich nur drei Bevölkerungsgruppen, die Tätowierungen hatten: Seeleute, Ex-Häftlinge und Rocker.
Bei den Seeleuten gehörten die pfeildurchbohrten Herzen mit dem Namen der Liebsten oder der Mutter, der Anker und die Bark mit vollen Segeln hart am Wind schlicht zur Folklore. Ex-Häftlinge hatten die von Tattoo-Joe aus Zellenblock III dilettantisch handgestochenen Knastkennzeichen an abartigen Stellen wie auf den Fingerknöcheln und zwischen den Augenbrauen. Und die Tätowierungen der Rocker konnte man gebührend bewundern, wenn sie im Sommer ihre 120 Kilo von der BMW wuchteten und die Schwimmbäder unsicher machten: Die Tattoos wurden damals noch nicht so kunstvoll ausgeführt wie heute, und die verschwommenen blau-violetten Abbildungen auf der rosigen Haut erinnerten lebhaft an die wegen Trichinenfreiheit vom Fleischbeschauer blau abgestempelten Schweinehälften beim Metzger.
Früher hätte man als untätowierter Zeitgenosse nicht mal gewusst, wo man denn ein Tattoo verpasst bekommt, denn Tätowierer gab’s höchstens in irgendeinem Hinterzimmer auf dem Kiez, nicht wie heute, wo man auf Schritt und Tritt zwischen Friseur und Bäcker gepierct, gelasert und tätowiert werden kann. Früher haben sich allerdings auch höhere Töchter keine Tattoos zum Geburtstag gewünscht.
Auch bei Tätowierungen sind deutlich Moden zu verzeichnen. So verschwand das Batmanartige Arschgeweih zusammen mit der Bauchfreimode. Dann schwappte die Esoterikwelle in die Tattoosalons und man ließ sich japanische Weisheiten, Hieroglyphen und Yin/Yang-Kreise in den Nacken stechen. Heute scheint ein bunt tätowierter Arm oder die bebilderte Wade der große Renner zu sein.
Männer neigen nach wie vor eher zu martialischen Motiven, während Frauen Tiere, Ornamente und Blumen bevorzugen, am liebsten in bunten Farben. Ich kannte sogar mal eine, die tätowierte Diddlmäuse auf dem Körper trug. Leider nicht nur da – auch auf der Kleidung und als Maskottchen an der Tasche baumelnd. Die Frau sah obendrein mit ihrer runden Nickelbrille, den dünnen Ärmchen und den Riesenfüßen selbst aus wie eine überdimensionale Diddlmaus. Wer auf der Suche nach Schönheit und Individualität Diddlmäuse findet, hat von vornherein verloren. Wer gar den Namen seines Freundes auf der Haut verewigt, begeht offenbar den klassischen Tattooanfängerfehler: „Christoph forever“ kann leicht abgelöst werden von „Oliver forever“, demnächst auch bekannt als „Kevin forever“. Spätestens „Jean-Paul forever“ wird sich fragen, ob er wirklich mit einer Frau herumlaufen will, die wie ein menschlicher Wanderpreis aussieht …
Aber um auf das Cupcake-Mädchen zurückzukommen: Hat sie mal darüber nachgedacht, wie das Tattoo aussehen wird, wenn es keine sechzehnjährigen Betontitten mehr zieren wird, sondern fünfundfünfzigjährige Hängebrüste, an denen zwei Kinder genährt wurden? Und dass es eventuell viel von seinem Zauber einbüßen könnte, wenn die Haut erstmal welk und schrumpelig ist?
Wahrscheinlich nicht. Mit sechzehn konnte ich mir auch nicht vorstellen, mal zu altern. Schließlich war ich mein Leben lang jung gewesen – warum sollte sich das jemals ändern? Alt werden bekanntlich immer nur die andern. Ich sage nicht, dass ich nicht auch schon mal mit dem Gedanken gespielt habe, mir ein Tattoo stechen zu lassen – schließlich kann man sich schon ab hundert Euro dauerhaft verunstalten lassen. Aber glücklicherweise bin ich immer noch 100% tattoofrei.
Seit neulich weiß ich auch, warum:
In meiner Muckibude lief eine Frau um die fünfzig splitternackt vor mir her. Sie war auf dem Weg zur Dusche. Zwischen ihren schwabbeligen Hinterbacken und den zwei Schwimmringen prangte ein blaues Arschgeweih. Das Beste, was man über diesen Anblick sagen konnte, war, dass es farblich perfekt mit den Krampfadern in ihren Kniekehlen harmonierte.
Man kann unerwünschte Tattoos heute natürlich auch einigermaßen entfernen lassen. Aber das ist schmerzhaft, kostet ein Vermögen und hinterher sieht man unter Umständen aus wie ein Napalmopfer. Also lieber vorher mal nachdenken. Muss so was sein? Mädels, die Wechseljahre kommen früher oder später, aber sie kommen. Ihr werdet das Telefon nicht mehr hören, eine Gleitsichtbrille brauchen und morgens beim ersten Blick in den Spiegel aussehen wie eine Kreuzung aus Arafat und einem alten Fensterleder. Das ist auch ohne Tattoos schon hart genug.

Nicht bös, sondern blöd.

In den frühern Achtzigern, als ich noch in linken Demonstrantenkreisen zuhause war, fürchteten wir uns nicht unerheblich vor dem Verfassungsschutz, weil wir in dem Wahn lebten, von dieser Behörde überwacht, erkannt und verfolgt zu werden, sobald wir am helllichten Tage die Straße betraten. Seit der Podiumsdiskussion
„Islamismus: Nur eine jugendliche Subkultur?“, zu der der Verfassungsschutzes in Hamburg anlässlich der Ausstellung „Islam – die missbrauchte Religion“ im April geladen hatte, weiß ich allerdings: Der Verfassungsschutz ist nicht bös, sondern nur blöd.
Normalerweise habe ich ja die größten Schwierigkeiten, meine vorlaute Klappe zu halten. Bei einer Lesung von Paul Auster im Hamburger Schauspielhaus habe ich als einzige von annähernd zweitausend Besuchern laut und deutlich “Ich nicht!“ gebrüllt, als Moderator Jan Josef Liefers sagte, er sei sicher, dass jeder im Publikum dem Autor viel Erfolg bei seiner Anti-Bush-Kampagne wünsche.
Doch bei dieser Veranstaltung blieb mir ausnahmsweise die Sprache weg. Ich hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein. Oder von einer parallelen Dimension aufgesucht zu werden. Lebe ich vielleicht doch in einer ganz anderen Realität als alle anderen?
In regelmäßigen Abständen bemüht der Verfassungsschutz sich seit vielen Jahren herzlich darum, das negative Islambild der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu revidieren und Aufklärungsarbeit zu leisten. „Islam – die missbrauchte Religion“ hieß genau die gleiche Ausstellung des Verfassungsschutzes aus diesem Grund auch schon vor sieben Jahren.
Der Islam ist demnach eine wunderbare, kuchengute und tolerante Religion, gar keine Frage. Aber leider wird er fürchterlich missverstanden und missbraucht. Vor allen Dingen, es ist kaum zu fassen, von den Muslimen. Nur wissen die es natürlich nicht. Deswegen muss es ihnen der Verfassungsschutz ja auch sagen. Der Verfassungsschutz ist seit der letzten Ausstellung noch nicht einen Schritt weiter – der Islamismus hingegen schon. Über zwanzigtausend ermordete Terroropfer hat es seit 9/11 gegeben. Es gibt deutlich mehr gewaltbereite Islamisten in sämtlichen deutschen Großstädten. Auf deutschen Straßen gibt es rudelweise verschleierte Frauen, und blöde Weiber in der Burka sitzen in Talkshows herum schwärmen von islamischer Vielweiberei als dem Gipfel weiblicher Selbstverwirklichung. Mittlerweile werden sogar Schulen von Salafisten unterwandert, die fette Beute unter denen machen, die noch jung, doof und beeinflussbar sind. Die Experten bei dieser Podiumsdiskussion sind außer einem Sprecher des Verfassungsschutzes noch ein Lehrer, ein Journalist vom Abendblatt und drei Soziologen/Politlogen, die alle auf ein abgeschlossenes Studium der Islamwissenschaften zurückblicken können. Zu meiner Zeit hätte man die Kombination dieser beiden Fächer absurd gefunden, und wie sich zeigte, zurecht, denn die drei erfüllen jedes Klischee vom gutmenschigen Sozialarbeiter, der den hilflosen, ungeliebten, unwillkommenen und schutzlosen Muslimen alles, aber auch alles geben will, was sie haben wollen und noch mehr, damit sie nicht wütend werden und anfangen, sich auf Marktplätzen in die Luft zu sprengen. Diskutiert wurde auf dem Podium gar nicht, da alle einer Meinung waren:
Die Deutschen sind chronisch islamophob; Muslime sind in Deutschland nicht willkommen, leben am Rande der Gesellschaft, haben kein Geld, keinen Zugang zu Kultur und Bildung, keine Freunde und wollen zu Mutti. Sie möchten so, so gern ein Teil der deutschen Gesellschaft sein, aber es will sie ja keiner! Da darf man sich natürlich nicht wundern, wenn sie plötzlich als Allah-Hu-Akhbar-schreiender Fusselbart in der Schule stehen und Kinder für den Djihad anwerben.
All das, so meinen die Sozialarbeiter, sei nur so, weil der Islam kein Teil von Deutschland ist. Wenn der Islam erstmal ein Teil von Deutschland ist, dann wird alles gut. Aufklärung ist schließlich alles. Wenn es Islamunterricht an deutschen Schulen und Universitäten gibt, dann kann auch niemand mehr den Islam missbrauchen. Die Religionspädagogin Lamya Kaddor hat sich bekanntlich an dieser Front mit großem Einsatz engagiert. Der entsprechende Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen: Fünf ihrer Schüler lassen sich bereits in Syrien für den Dschihad in die Luft sprengen.
Ist der Islamismus nun tatsächlich eine neue Jugendkultur? Ja; natürlich unbedingt, da ist man sich absolut einig. So was hat’s doch schon immer gegeben, ganz früher hat man eben gegen den Vietnamkrieg protestiert, dann war es die Punk-Bewegung, und heute ist es Islamismus. Ob einer sich in der Kommune die Birne zukifft, sich Sicherheitsnadeln durch die Backe steckt oder sich in die Luft sprengt, weil er zweiundsiebzig Jungfrauen vögeln will, das ist alles irgendwie dasselbe. Das verwächst sich auch wieder. Jedenfalls absolut kein Grund zur Besorgnis.
Und doch macht sich nach und nach so etwas wie Ratlosigkeit im Publikum breit:
Lehrerinnen melden sich zu Wort, die an deutschen Schulen die Erfahrung machen, dass schon Siebenjährigen von Imamen bewusst Abstand zu sogenannten Ungläubigen eingeimpft wird; die über die Zwänge klagen, denen Schülerinnen mit Kopftuch ausgesetzt sind – all das wird von Podium mit einer Gleichgültigkeit behandelt, die von Unverschämtheit kaum noch zu unterscheiden ist. Angeblich, so wird behauptet, bekäme der Verfassungsschutz alles mit, was in Koranschulen und Moscheen gepredigt wird. So was könne es daher auch gar nicht geben. Doch, da passe man schon sehr auf, wird versichert. Besonders tragisch wird es, als ein Elternpaar sich zu Wort meldet, deren Sohn von Islamisten angeworben wurde:
„Die haben unseren Jungen gestohlen! Wir wollen doch nur unser Kind zurück!“
Die Verzweiflung ist echt und aufrüttelnd, außer natürlich für den Mann vom Verfassungsschutz: Warum die Eltern denn nicht beizeiten die Beratungsangebote des Verfassungsschutzes genutzt hätten? Das stünde doch jedem Bürger zu, oder? Noch Fragen?
Der Verfassungsschutz ist nicht bös, sondern nur blöd. Das wissen auch Islamisten.

http://www.hamburg.de/innenbehoerde/schlagzeilen/4300626/podiumsdiskussion-islamismus-verfassungsschutz-fhh.html