Das Leben ist zu kurz, um schlechten Kaffee zu trinken

Zabar’s, 2245 Broadway, New York City

Ein Café im europäischen Sinne ist Zabar’s weiß Gott nicht. Das will es auch gar nicht sein,
solche Mätzchen überlässt man in New York lieber den Cafés in Soho und Greenwich Village.
Eher ist es die an den besten Delikatessenladen weltweit angeschlossene Imbissstube. Als Deutsche outet man sich augenblicklich, wenn man, so wie ich, angewidert den Müll vom Tisch sammelt und ihn anschließend abwischt. „Wow, I’ll take You home with me, honey!“ kommentierte eine ältere Dame prompt. Nirgendwo sonst in New York kann man gleichzeitig so preiswert und so hervorragend speisen. Gemütlichkeit kommt in der übervollen Winzkantine zwar nicht auf, aber dafür kann man beim Essen durch die großen Fenster das brausende Volksleben auf dem Broadway beobachten. Es gibt herrliche Klassiker der jüdischen Küche wie Bagel Lox/Creamcheese, Blintze und Latkes mit Apfelmus. Auch typisch amerikanisches Frühstück mit Rührei und Bacon ist selbstverständlich zu haben; der Orangensaft ist immer frisch gepresst, das Gebäck köstlich, der Kaffee wunderbar. Probieren sollte man unbedingt die neueste Sandwichkreation: Brie und Apfelscheiben auf Rosinen-Nuß-Brot. Und regen Sie sich nie – nie!
über Conrad hinter dem Tresen auf. Den Mann muss man nehmen, wie er ist.

Café Niederegger, Breite Straße 89, Lübeck

Man muss kein Marzipanjunkie sein wie ich (drei Therapien begonnen und wieder abgebrochen; jetzt in Selbsthilfegruppe) um immer wieder gern bei Niederegger einzukehren. Das Stammhaus in der Breiten Straße, in der, wie jeder Thomas-Mann-Kenner weiß, auch die drei Damen Buddenbrook Friederike, Henriette und Pfiffi wohnten, wurde im letzten Jahr umfassend restauriert und das Ergebnis ist grandios. Niederegger präsentiert sich im zeitgemäßen Loungestil, ohne dass die Tradition vernachlässigt wurde: Die Wände sind im typischen Niederegger-Magenta gehalten und geziert von alten Porzellanformen und silbernem Tischgerät. Jeder geht ins Niederegger, Touristen sowieso, aber auch Frauen nach dem Shopping, Schüler nach der Schule und Kaufleute zum Geschäftsessen. Eines der wenigen deutschen Cafés, wo der Filterkaffee nicht Brechreiz erregend ist. Der Renner ist das klassische Niedereggergedeck,  bestehend aus einem Kännchen Kaffee und einem Stück Marzipantorte. Ich empfehle sehr die weiße Baumkuchentorte sowie das Speiseeis und den ebenfalls hervorragenden Mittagstisch mit saisonalen norddeutschen Spezialitäten. Im Verkaufsbereich im Erdgeschoss kann man lustige interaktive Computerspiele rund ums Marzipanwissen machen und ein Minimarzipanbrot gewinnen. Na toll, jetzt komm ich hier gar nicht mehr raus.

Ben Ami, 22 Nahmani Street, Tel Aviv

Das Leben ist bekanntlich viel zu kurz, um schlechten Kaffee zu trinken. Schlechten Kaffee gibt es in Israel nicht – selbst an der schäbigsten, hinterletzten Tankstelle irgendwo im Nirgendwo des Negev bekommt man noch einen Cappuccino, der so schmeckt, als käme er direkt aus einer venezianischen Pasticceria. Das Ben Ami am King Albert Square hat europäisches Flair und liegt im älteren Viertel hinter dem Rothschild-Boulevard, wo noch palästinensischer (ja!) Jugendstil vorherrscht. Echtes Nostalgiefeeling macht sich breit – in Israel eine Seltenheit. Man kann mit Blick auf das herrliche Eckhaus, das wie eine Pagode aussieht und auch so genannt wird, draußen unter den Jalousien sitzen und auf den kleinen Platz mit den zwei mächtigen Platanen blicken und sich beinahe in Südfrankreich wähnen. So gegen vier Uhr Nachmittags rennen von Westen nach Osten rund vier Dutzend Straßentiger an dem Café vorbei – denn dann kommt die örtliche Katzenlady mit dem Futter. Über Speisen und Getränke muss man nicht groß reden, alles ist, wie in Israel üblich, hausgemacht, reichlich und exquisit. Probieren Sie den Bolero, eine Mousse-au-chocolat-Schweinerei in drei köstlichen Schichten mit rund sechstausend Kalorien.

Café Central, Herrengasse 14, Wien

Es gibt bestimmt bessere Cafés in Wien. Aber nur wenige haben eine Geschichte wie das Café Central. Sigmund Freud, Karl Kraus, Robert Musil und die von mir sehr geschätzten Schriftstellerinnen Vicky Baum und Gina Kaus waren hier Stammgäste. Von der intellektuellen Atmosphäre ist nichts mehr übriggeblieben und möglicherweise ist das Central heute eine elende Touristenfalle. Aber schon über einen gewissen Dauergast namens Bronstein hieß es einmal, er wäre wohl kaum in der Lage, eine Revolution vom Zaun zu brechen – später wurde er berühmt als Leo Trotzky und offensichtlich hatte man ihn unterschätzt. Wer weiß also, was das Leben dem Besucher des Central noch alles bereit hält. Man sollte nie nie sagen. Das Interieur ist hinreißend, die tadellos gewandeten Kellner sehr zuvorkommend (in Wien keine Selbstverständlichkeit) und Speisen sowie Getränke hervorragend, wenngleich nicht gerade preiswert. Eine ständig wechselnde Wochenkarte bietet echt wienerische Küche. Dazu die stilvolle musikalische Begleitung am Flügel – wundervoll.

 

 

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