Der Mensch gewöhnt sich an allem, auch am Dativ

 

 

Junge Schauspielschülerinnen haben noch nie was von Marlene Dietrich gehört. Dafür kennen sie Miley Cyrus und zwei Adjektive: Krass und Hammer. Na gut, so ist das heute. Auch, dass mein Klempner neulich nicht wusste, wer dieser Heinrich VIII. war, dem er so lachhaft ähnlich sieht, mag noch hingehen. Aber deutsche Studenten, die nicht wissen, in welchem Jahrhundert der zweite Weltkrieg stattgefunden hat? Lehramtsanwärter, die die eigene Sprache nicht mehr beherrschen? Der streitbare Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff beschreibt in seiner vierten Publikation „SOS Kinderseele“ nicht nur Auswüchse verfehlter Bildungspolitik, sondern appelliert auch dringend an die Verantwortlichen der Gesellschaft, egal ob Politiker, Eltern, Pädagogen oder Lehrer, endlich umzudenken, bevor die Republik der völligen Verblödung anheimfällt.

Ich fürchte, da kommt er schon zu spät.

Wir Soziologen lieben es nun mal, wenn wir Recht behalten. Dass dieses Land und seine Pädagogik auf die Dauer immer mehr und immer dümmere Vollkoffer hervorbringen wird, habe ich schon vor zwanzig Jahren gesagt und war für alle eine böse Spielverderberin, Miesmacherin und vor allem schrecklich, schrecklich negativ. Seit einer Weile schon gehört DSDS deshalb zu meinen Lieblingssendungen – sehr zum Kopfschütteln meiner Umgebung. Um noch eins drauf zu setzen: Dieter Bohlen gehört zu meinen liebsten Identifikationsfiguren. Er stammt aus einer chaotischen, bettelarmen Handwerkerfamilie, genau wie ich. Sein Vater kam auch immer zementverkrustet nachhause; seine Mutter ist auch immer an die Spartöpfe der Kinder gegangen. Was ihn darüber hinaus so sympathisch macht, ist, dass dieses Original stets ausstrahlt: Seht her, ich bin ein Proletenkind, das mit grottenschlechter Musik ein Vermögen gemacht hat und ich habe kein Problem damit. Das, was ich kann, nämlich den Leuten das verkaufen, was sie offenbar hören wollen, mache ich so gut wie kaum ein anderer. Ich bin, wer ich bin, und im Gegensatz zu praktisch allen anderen im deutschen Fernsehen stilisiere ich mich nicht zum feingeistigen intellektuellen Friedensfürsten hoch. Ende der Durchsage.

Ich erlebe bei DSDS stets Momente des triumphalen Rechthabens, wenn dort Teenies stehen, die kaum ihren Namen in den Sand kratzen können und behaupten, bei Facebook schon große Stars zu sein. Warum, fragt Dieter Bohlen. Na, ich schmier mir Ketchup im Gesicht und so. Der Mensch gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. Womit wir im Unterhaltungssektor in Zukunft rechnen müssen, kündigt uns schon der Märchenonkelton an, in dem neuerdings Reportagen und Dokumentationen für Erwachsene gehalten werden. Wie in der Sat1-Produktion mit dem Titel „Der große Warencheck – wissen, was drin ist“. Reporterteam Matthias Brandt, Branislav Katic, Kristin Recke und Seraphina (Fine) Kalze, die gerade den Kindergarten mit Auszeichnung absolviert haben, gehen den Dingen brutal auf den Grund. Was ist wirklich drin in Kalbsleberwurst? Ich musste mir während des Studiums im Feinkosthandel was dazuverdienen und weiß daher seit dreißig Jahren, dass in Kalbsleberwurst nicht zwingend Kalbsleber enthalten ist, ebenso wenig wie in Leberkäse oder Leberblümchen, aber die Reporter wissen das erst, nachdem sie etliche Metzger, Schlachtereien und Fleischverarbeitungsbetriebe mit ihren dummen Fragen zu Tode genervt haben. Wäre nämlich wirklich reine Kalbsleber in schmeckbaren Mengen in der Leberwurst, würde sie nicht mehr schmecken, wie man prompt an unschuldigen Münchener Passanten testet, darunter auch mehreren Kindern. Kindesmissbrauch! schreit es aus tiefster Seele in mir! Man muss wirklich gesehen haben, wie die Reporter dazu mit staunend aufgerissenen Äuglein und offen stehendem Mund ihre Kinderköpfchen hin und her wenden, wenn sie den Metzgermeister fragen, was denn ein Emulgator sei. Da hätte man vielleicht in der Schule in Chemie einfach mal zuhören müssen, dann wäre man auch nicht gezwungen, sich mit diesem Idiotenjob vor dem ganzen Land zum Affen zu machen. Richtig, wie ich soeben aus gut unterrichteten Mütterkreisen erfahren habe, heißt es nicht mehr Chemie, sondern Nawi. Das ist die Abkürzung für Naturwissenschaften, also Chemie, Physik, Biologie und vermutlich auch Mathematik, Genetik, Medizin und Klimaforschung. Auch die nächste Reportage über mundgeblasene Billigweingläser hält, was die Leberwurst versprochen hat: Wie es käme, dass solche Gläser denn so teuer sein könnten, wo sich die Zutaten – Sand, Soda, Kalk – so billig anhören würden? Und darauf hin entdeckt das Reporterteam, Schreck lass nach, dass es Sweatshops gibt, in denen in Drei-Stunden-Schichten preiswert geblasen wird. Aber nicht im bekannten Kölner Laufhaus Pascha, sondern in der weit entfernten chinesischen Volksrepublik. Und alles im KiKa-Schwafelton, der in den Sendeanstalten neuerdings vermutlich durchs Kantinenessen geht. Ehrlich, da guck ich lieber Hardcore-Wissenschaftsjounalismus, so wie die Sendung mit der Maus. Wenigstens gibt’s da noch Shaun das Schaf dazu.