Wir sind doch alle ein bißchen Kiez!

Es ist erstaunlich, was für Debatten seit der von der Zeitschrift „Emma“ angestoßenen Kampagne zur Abschaffung der Prostitution allerorten geführt werden. Prostitution, dass ist ein Thema, bei dem alle mitreden wollen. Am meisten allerdings die, die am wenigsten Ahnung haben. Wir sind doch alle ein bisschen Kiez. Bestimmt? Es galt in Hamburg schon immer die Regel, dass ein Künstler auf St. Pauli hausen muss, weil man angeblich nur dort im richtigen Leben wohnt und sich so die Streetcredibility verschafft, die man mit einer Eigentumswohnung in Harvestehude nun mal nicht so leicht hätte. Ich hatte auch jahrelang meinen künstlerischen Standort auf St. Pauli – allerdings hatte ich in meiner Jugend schon soviel Tuchfühlung mit Schmutz, Armut und Drogensucht, dass das von feingeistigen Intellektuellen so geschätzte Milieu bei mir kein Wohlgefühl auslösen konnte. Mit Prostituierten kam ich dennoch häufiger in Kontakt, auch mit deren Angehörigen und mit den Sozialarbeiterinnen, die die ganze Drecksarbeit machten, von der Hurenromantiker immer nichts wissen wollen. Ich hörte Geschichten, bei denen einem die Haare zu Berge stehen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man über die Anzahl von Prostituierten sowie die Freiwilligkeit oder Unfreiwilligkeit ihrer Tätigkeit wenig verlässliche Daten erheben kann, da Sexarbeit auch nach ihrer Legalisierung im Verborgenen blüht. Man kann daher allein von Schätzwerten ausgehen, die auf Erfahrung beruhen. Selbstverständlich ist es für Polizisten, Sozialarbeiter, Mediziner und besonders die Angehörigen von Prostituierten kein großes Geheimnis, dass bei achtzig bis neunzig Prozent der Huren von Freiwilligkeit keine Rede sein kann. Wenig aussagekräftig ist auch die Zahl der offiziell als Prostituierte zur Sozialversicherung angemeldeten Arbeitnehmer in Deutschland: Vierundvierzig. Konkrete Zahlen lassen sich allerdings für die Minderheit von Prostituierten nennen, die im „Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen“ organisiert sind: Etwa hundert. Diese Handvoll Escortladies, Puffbetreiberinnen und Dominas werden momentan ständig als leuchtendes Beispiel für die wunderbare Welt der freiwilligen Prostitution angeführt. Das ist genauso falsch, wie Aiman Mayzek oder Axel Ayub Köhler ständig als Sprachrohr für rund fünf Millionen überwiegend unorthodoxe Muslime in Deutschland zu benutzen.

Ich bestreite nicht, dass es Frauen gibt, die sich freiwillig prostituieren. Ich kannte mehrere solcher Frauen. Eine war, wie die meisten Pro-Prostitutionslobbyistinnen, Domina. Sie war Lesbe und totale Männerhasserin. Männer bezahlten sie dafür, sich von ihr demütigen, quälen und blutig schlagen zu lassen. Ich weiß, dass das in unseren permissiven Zeiten keine beliebte Ansicht ist, aber eine gesunde Sexualität zwischen Männern und Frauen sieht für mich anders aus.

Eine andere wurde Escortlady, weil sie ihrem spießigen Elternhaus eins reinwürgen wollte.

Einen soliden Dachschaden, mit Verlaub, hatten sie alle beide. Es ist kein Wunder, dass die Pro-Prostitutionslobby sich überwiegend aus dieser Gruppe rekrutiert. Es gibt auf ihren Internetpräsenzen Foren, in denen Sexarbeiterinnen sich austauschen können. Beim Thema „Ausstieg aus dem Beruf“ gibt es mit Abstand die meisten Besucherinnen. Allerdings verbitten sich dort die Moderatorinnen in strengem Ton die Bezeichnung „Ausstieg“ – das klinge zu negativ. Man wird eben nicht zufällig Domina. Das, womit Dominas ihr Geld verdienen, hat obendrein nicht einmal ansatzweise etwas mit dem normalen Alltag der meisten Huren zu tun. Schon allein deswegen ist diese Gruppe nicht repräsentativ. Man muss die Talkrunde „Schluss mit käuflichem Sex: Kann man Prostitution verbieten? bei Maischberger erlebt haben, um den Stand der ganzen verlogenen Debatte vor Augen zu haben: Als Alice Schwarzer erwähnte, was bei Prostituierten zur Tagesordnung gehört, nämlich analer und oraler Sex, verzogen ausgerechnet Puffbesitzer Armin Lobscheid sowie Domina Amber Laine angeekelt den Mund. Dass ihnen diese Begriffe vorkommen müssen wie ein Ansinnen aus fernen Welten ist kein Wunder, da sie persönlich mit solchen Sauigeleien nichts zu schaffen haben. Der Puffbetreiber kassiert nur mehrere Millionen Euro Miete im Jahr – was in den vermieteten Zimmern geschieht, ist ihm offenbar ein Rätsel. Und eine Domina muss nicht mal ihre Kunden berühren, schon gar nicht sich selbst berühren lassen. Die prominente Prostituierte Domenica Niehoff umriss 1988 in einem Interview, was einmal die traditionelle Arbeit einer Hure ausmachte: Oralsex und Geschlechtsverkehr – beides selbstverständlich mit Kondom. Das war’s. So etwas Intimes wie Küsse – lange Zeit ein Tabu für Prostituierte –  gab es schlicht nicht. Seit der Legalisierung der Prostitution im Jahr 2001 werden sämtliche Praktiken von Huren erwartet und eingefordert; häufig ohne Kondom und für so wenig Lohn wie noch nie zuvor. Selbst Edelhuren wie Escortladies müssen heute all diese Dienste anbieten, wenn auch für mehr Geld: Vier Stunden mit einer Edelhure kosten achthundert Euro. Die Hälfte davon kassiert ihre Agentur. Und dann gibt es noch die unüberschaubare Gruppe der Prostituierten, die sich in Modellwohnungen, Bordellen, Laufhäusern, Flat-Rate-Puffs oder auf dem Fernfahrerstrich ihre Brötchen verdienen. Niemand kann sagen, wie viel Freiwilligkeit bei ihrer Arbeit eine Rolle spielt. Freiwilligkeit ist relativ – man denke nur an die freiwilligen Kopftuchträgerinnen. Ich kannte eine Frau, deren siebzehnjährige Tochter zwei Jahre lang von ihrem sogenannten Loverboy auf den Strich geschickt wurde. Das Mädchen hätte heilige Eide auf die Freiwilligkeit seiner Tätigkeit geschworen. Alles andere wäre auch fatal für das Geschäft gewesen. Schließlich liebte sie ihren Zuhälter und hätte alles für ihn getan. So sind die Frauen. Ihre Freier glaubten natürlich ebenfalls, dass sie das, was sie tat, freiwillig tat. Und obendrein richtig gern. So sind die Männer. Dieser Nepp funktioniert schon seit Tausenden von Jahren. Die Hure wird nun mal dafür bezahlt, dass sie Lust vortäuscht, wo keine vorhanden ist. Klappern gehört zum Handwerk. Bei Prostituierten ist Zeit Geld. Sie arbeiten nach dem Prinzip „Je eher daran, je eher davon“. Zwanzig Minuten kalkuliert eine Prostituierte in einem Bordell pro Freier ein. Das sind drei Freier in der Stunde, an einem Achtstundentag vierundzwanzig; an einem Zwölfstundentag, in Laufhäusern nicht unüblich, sechsunddreißig. Ich weiß nicht, wie dämlich man sein muss, um zu glauben, auf diese Art würde eine Frau sich sexuell selbst verwirklichen.

Diese Mutter tröstete sich mit der unter Huren und ihren Angehörigen sehr verbreiteten Vorstellung, dass Ihre Tochter einen ganz wichtigen Dienst an der Gemeinschaft erfüllte. Sie hätte das Martyrium auf sich genommen, andere Frauen vor den Nachstellungen notgeiler Vergewaltiger zu beschützen. An diesen absurden Gedanken klammerte sie sich wie eine Ertrinkende an einen Zahnstocher. Es war erschütternd, sich das anzuhören, noch erschütternder, es anzusehen. Als die Tochter endlich den Ausstieg aus diesem ganz normalen Beruf geschafft hatte, hatte die Mutter ihren Job und ihre Gesundheit eingebüßt und war nur noch ein seelisches und körperliches Wrack. Aber wen interessiert es schon, was Prostituierte, ihre Angehörigen oder Lebenspartner durchmachen? Georg Diez bestimmt nicht, der auf Spiegel-Online Alice Schwarzer Lustfeindlichkeit vorwirft – einer Frau, die schon für die Befreiung weiblicher Sexualität gekämpft hat, als Diez noch nicht mal schreiben und lesen konnte. Insofern kann man ihm vielleicht nicht vorwerfen, dass er das nicht mitgekriegt hat. Aber bei der Prostitution geht es ohnehin nicht darum, die Lust von Frauen zu befriedigen. Vielleicht weiß er das nicht. Selbst Frauenorientierte Puffbesitzerinnen bieten keine männlichen Huren an (sie haben es versucht), da die Nachfrage nach ihrer Erfahrung gegen Null geht. Es geht also um die Lust der Männer. Und die muss befriedigt werden. Solange es nicht die eigene Tochter macht, selbstverständlich. Oder die verehrte Frau Mutter. Oder die Schwester. Oder die Freundin. Oder die Ehefrau.

Das ist das große Problem mit den Verteidigern der heilen Hurenwelt: Ihre Realitätsferne.

Diese Welt liegt für sie weit, weit außerhalb ihres pseudoliberalen LaLaLandes. Zum Glück.

Da sind selbst die Bordellbesitzerinnen noch ehrlicher, die zwar vom Hurenberuf als einem ganz wundervollen, lukrativen Frauenjob schwärmen, aber zugeben, dass sie sich diese Zukunft auf gar keinen Fall für ihre Tochter wünschen. Das Gerede von der Normalität dieses Berufs ist nichts als selbstverliebte Heuchelei. Seit der Kaiserzeit hat sich an der Doppelmoral des deutschen Spießbürgertums nicht das Geringste geändert. Eine Art von Beistand, auf den Huren gut verzichten können.

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Welcome to Obamatown

„Es sind hundertsechs Meilen nach Chicago. Wir haben genug Benzin im Tank, ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist Nacht und wir tragen Sonnenbrillen“. Als atmosphärische Einstimmung auf Chicago sollte man unbedingt den Kultfilm „Die Blues Brothers“ sehen. Irgendein Zitat wird immer passen. Wer an einem Freitagabend zum ersten Mal in die Windy City kommt und direkt am Loop, dem Hochbahnring, im Stadtzentrum eintrifft, wird zunächst denken, er sei in einer amerikanischen Kleinstadt gelandet, so ruhig ist. Und dabei gilt doch Chicago als die „Second City“, die zweite Großstadt schlechthin gleich nach New York. Aber Chicago ist nicht New York. Das Getriebe bis in die frühen Morgenstunden, das freundliche Gewimmel von abertausenden Cafés, Delis und Einzelhandelsgeschäften fehlt hier fast völlig. Während eines mehrtägigen Aufenthaltes fragt man sich, wo um alles in der Welt die Chicagoer ihre Lebensmittel einkaufen. Erst ein Blick vom Willis Tower am helllichten Tag enthüllt das Geheimnis der großen Stadt am Michigansee: Ihre ungeheure Ausdehnung. Während in New York eigentlich niemand, der bei klarem Verstand ist, Auto fährt, sind die Bewohner von Chicago auf das Auto angewiesen, so wie die meisten Amerikaner. Alles Chicago, so weit das Auge reicht. Chicago kann sich auch den großen Luxus von Backstreets leisten – hinter den Häuserblocks gelegenen Straßen, die einzig dem Zweck dienen, dass Müllwagen, Möbellaster und Lieferanten dort vorfahren können, ohne den fließenden Verkehr zu behindern. Der Michigansee verliert sich irgendwo am Horizont; er könnte genauso gut das Schwarze Meer sein oder die Ostsee. Es fällt schwer zu glauben, dass seine blauen Wogen nicht salzig sind.

Chicago ist eine architektonische Wundertüte: Vestibüle von Frank Lloyd Wright, Fassaden von Mies van der Rohe, Glasfenster von Tiffany erwarten den ehrfürchtig staunenden Besucher.

Auf den Plätzen stehen riesige Plastiken von Calder und Picasso. Im ehemaligen Gebäude des berühmten Kaufhauses Marshall Field, inzwischen Macy’s, breitet sich ein herrliches Glasmosaik über die Kunden wie ein Märchentraum aus tausendundeiner Nacht. „Also, mir persönlich wäre das zu übertrieben!“ höre ich eine deutsche Stimme mit rheinischem Einschlag hinter mir sagen – ganz so, als stünde Louis Comfort Tiffany schon in den Startlöchern, der Dame die Wohnung umzudekorieren. Wie in New York sind viele der Chicagoer Hochhäuser zwischen 1890 und 1930 entstanden. Es sind grandiose Gesamtkunstwerke in hervorragend erhaltenem oder restauriertem Zustand, in die sich jede Fliese, jeder Mauerstein, jedes Glasornament harmonisch einfügt. Man kann sich kaum satt sehen an ihnen.

Ein Stadtteil, die Southside, scheint sogar ganz woanders zu liegen, weit draußen im Süden. Dorthin fährt man mit der Metra, einer Art Vorortszug. Der Architekturbegeisterte, der sich diese Mühe macht, sucht die im wundervollen Prärie-Stil erbauten Häuser von Frank Lloyd Wright. Die Southside ist der Sitz der University Of Chicago und außerdem ein riesiges, grünes Wohnviertel mit zaunlosen Grundstücken und schönen, großen Villen; hier und da eine Perle von Wright dazwischen. Aber das ist nicht alles:

Dort steht auch das Haus von Präsident Obama. Der Block ist komplett und weiträumig abgesperrt. Das Viertel ist zwar überwiegend von Afroamerikanern bewohnt, aber hier verbreitet sich mitnichten das Ghetto-Feeling von Harlem oder Brooklyn: Es sind die palastartigen Häuser der Superreichen, die hier stehen. Die wenigen Geschäftsstraßen, die dazwischen liegen, werden im drei Jahre alten Reiseführer noch als belebte Viertel mit Cafés und interessanten Läden gepriesen. Aber die Hälfte der Geschäfte steht inzwischen leer. Am Bahnhof Hyde Park isst man im Diner „Valois“ riesige Omelettes und saftige Rippchen. Obama hat das Lokal immer gern frequentiert, bevor der Weltruhm über ihn hinwegfegte und er noch als Vertreter dieses Bezirks im Senat von Illinois saß. Deshalb gibt es hier auch eine Karte mit „Obama’s Favorites“: Eiweißomelette mit Gemüse pflegte der 44. Präsident der vereinigten Staaten hier gern zu frühstücken, das ist zu erfahren. Gut gesättigt ist man gewappnet für den Kulturschock, der einen an der nächsten Straßenecke erwartet: Ein riesiges blumengeschmücktes Monument mit stählerner Gedenktafel, auf der das Präsidentenpaar in eindeutiger Pose zu sehen ist, weist darauf hin, das genau hier die Stelle war, an der Obama seine Michelle zum ersten Mal geküsst hat. Der Kuss habe nach Schokoladeneis geschmeckt. Willkommen in Obamatown.