Bullock aus der Froschperspektive

Während jedes mehrwöchigen USA-Aufenthaltes gibt es stets ein kulturelles Großereignis, über das täglich in jeder Zeitung, jeder Talkshow und jeder Nachrichtensendung referiert wird. Diesmal handelt es sich um den Film „Gravity“. Er schlägt wochenlang alle anderen Streifen am Box Office. Also sehen wir in einem Kinopalast am Broadway Gravity. Besonders empfohlen wird die 3-D-Version. Das letzte Mal, als wir in einem amerikanischen Kino waren, haben wir den Fehler gemacht, uns einen Softdrink in sogenannter mittlerer Größe zu holen, die in etwa dem Umfang unseres Küchenmülleimers entsprach. Popcorn gab es nur in Pappbechern, die bei uns als Biotonnen durchgehen würden. Da die weibliche Harnblase über ein maximales Fassungsvermögen von 550 ml verfügt, musste ich während „Journey To The Center of The Earth“ genau dreimal zur Toilette rasen – die beiden ersten Male erheblich dadurch eingeschränkt, dass ich vergessen hatte, die 3-D-Brille abzunehmen. Inzwischen habe ich dazugelernt.
Bei „Gravity“ trägt 3-D wesentlich zur Erhöhung der Spezialeffekte im schwerelosen Weltraum bei, um deretwillen der Film bereits als sicherer Oscar-Anwärter gefeiert wird. Die Stars des Dramas sind gerade mal zwei: George Clooney und Sandra Bullock; ein Astronaut auf seiner letzten und eine Astronautin auf ihrer ersten Mission im All. Es gibt Schauspieler wie Tom Cruise oder Johnny Depp, die die Gnade besitzen, durch minimalen Einsatz von Mimik und Gestik die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Es gibt noch begnadetere Schauspieler wie Daniel Day Lewis, der bis zur Unkenntlichkeit in praktisch jeder Rolle verschwinden kann und der vermutlich auch Marlene Dietrich noch glaubhaft verkörpern würde. George Clooney aber ist wie eh und je der charmante, gutaussehende Leading Man; ein Poser wie Brad Pitt oder Hugh Grant, denen man stets Rollen auf den Leib schneidern muss. Außerdem ist Clooney ein Déjà-vu:
Es hat ihn schon gegeben, nur mit Schnurrbart und als Clark Gable. Ich sehe ihn dennoch immer wieder gern, er ist ein schöner Anblick.
Und die Bullock ebenfalls. Ihr Talent, gerade in Actionfilmen noch Sinn für Komik zu verbreiten, verhalf ihr in „Speed“ zum großen Durchbruch.
So bewährt sie sich auch in dieser dramatischen Rolle:
Astronauten reparieren gerade das Hubble-Weltraumteleskop, als ihnen nach kurzer Warnung durch die NASA Trümmer um die Ohren fliegen, von denen sie plötzlich unkontrolliert ins All geschleudert werden. Mit viel Mühe gelingt es ihnen, zu ihrem Space-Shuttle zurückzukehren, nur um zu erfahren, dass er vollkommen zerstört ist und die übrigen Besatzungskollegen bereits schockgefrostet und mit durchlöcherter Birne schwerelos im Nichts schweben. Leider können sie Houston nicht mehr melden, dass sie ein Problem haben, da der Funkkontakt seinen Dienst verweigert. Auf dem Weg zu einer verlassenen Raumstation entgleitet schließlich auch George auf Nimmerwiedersehen ins All und Sandra ist die letzte Überlebende der Mission. Sie erreicht mit Müh und Not die Raumstation und versucht, anhand der diffusen Anweisungen eines russischen Benutzerhandbuchs irgendwie die Raumkapsel in Gang zu bringen. Da der einzige Funkkontakt, der sich herstellen lässt, aus einem betrunkenen Grönländer besteht und die Raumkapsel mit ihrem Fallschirm an der Station fest hängt und natürlich der Sauerstoff langsam knapp wird, beschließt Bullock, sich das Leben zu nehmen. Sie verabschiedet sich weinend von der schnöden Welt, die ihr gerade so fern ist, und ihre Tränen scheinen perlengleich in den Zuschauerraum zu entschweben. Doch just in diesem verzweifelten Moment erscheint als Deus ex machina Georgie Clooney und gibt ihr hilfreiche Anweisungen, um die nächstgelegene heile Raumstation noch irgendwie zu erreichen. Doch er ist nicht mehr am Leben; sein Erscheinen war nur ein Traum. Dennoch erfüllt die Halluzination ihren Zweck und die Astronautin schöpft Mut und schafft es, die nächste Raumstation zu entern. Hier wartet eigentlich der größte Gag des Films, denn nun muss Sandra obendrein zusehen, wie sie mit einem chinesischen Benutzerhandbuch zurande kommt. Sie kommt zurande. Und schon rauscht sie mit der maroden chinesischen Raumkapsel zu Mutter Erde zurück, kann sich aus der in einem See gelandeten Kapsel befreien und ans rettende Ufer schwimmen. Die letzte Einstellung zeigt Bullock aus der Froschperspektive gefilmt, fast nackt und patschnass, aber sinnlos glücklich, eine Ikone von Kraft und Überlebenswillen. Ein schönes Kinomärchen wie diverse andere, aber kein Film, bei dem man schon nach der DVD-Version gieren würde. Eineinhalb kurzweilige Stunden sind hingegen garantiert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s