Wie geil is das denn? Nee, ne! Geht gar nicht. Boah, ey!

Wie geil is das denn? Nee, ne! Geht gar nicht. Boah, ey! Wie geil is das denn? Nee, ne! Geht gar nicht. Boah, ey! Wie geil is das denn? Nee, ne! Geht gar nicht. Boah, ey! Der, der diese vier Phrasen in Endlosschleifen wiederholt, ist Helge Schneider. Je öfter er es sagt, desto komischer wird es. Das Publikum schreit vor Lachen. Bis Schneider sagt: Diese vier Sätze reichen heute vollkommen aus für die normale Kommunikation. Mehr braucht man gar nicht. Er ist ein scharfer Beobachter.
Mein letztes Open-Air Konzert im Hamburger Stadtpark liegt schon eine Ewigkeit zurück. Erinnern kann ich mich an Men At Work; Ton, Steine, Scherben und Mitch Ryder. Besonders letzterer war unvergesslich. Nach zwei Songs lallte er am helllichten Nachmittag „Good night, Hamburg“ ins Mikrophon und torkelte von der Bühne, wurde von der Security eingefangen und seiner Pflicht wieder zugeführt. Das Wetter an diesem Freitag Ende August ist der Menge vor der ausverkauften Freilichtbühne wohl gesonnen und Helge Schneiders Show ist wundervoll. Das skurrile Improvisationstalent ist ein großartiger Musiker; seine Band ist fantastisch. Und Helge Schneider ist, kaum zu glauben, ein gutproportionierter Mann, der über hohe Musikalität und gute Körperbeherrschung verfügt. Ich meine das ganz ernst: Er hätte auch Tänzer werden können. Alles was er dazu bräuchte, hat er. Die Frage ist nur, ob Schneider so ein Publikum verdient hat. Seine Udo-Lindenberg-Imitation ist so perfekt, dass der Konzertbesuch sich allein ihretwegen schon gelohnt hat. Wie geil is das denn? Nee, ne! So richtig weiß das Publikum das nicht zu würdigen, und als Schneider einen weiß Gott harmlosen Spruch über Peter Maffay macht, ist man kurz davor, los zu buhen. Geht gar nicht. Boah, ey! So ist das heute. Popkultur, das ist, wenn Zwanzigjährige sich auf das große Herbstfest der Volksmusik freuen. Das zeigt sich erst recht bei der Zugabe: Schneider spielt auf der Orgel läppische Rumtata-Schlager wie den Ententanz und das Publikum überschlägt sich vor Begeisterung. Schneider sagt: Komisch, vor dreißig Jahren war ich mal in Timmendorfer Strand, und da hat ein Mann im Hotel stundenlang auf der Orgel solche Lieder gespielt. Und die Leute waren total begeistert. Heute ist das wieder so! Das Publikum denkt, Schneider habe einen grandiosen Witz gemacht. Aber das hat er nicht. Und noch etwas fällt auf: Wann immer die vorzüglichen Musiker zu einem Saxophon- oder Gitarrensolo ansetzen, ziehen von den viertausend Zuschauern zweitausend ihr IPhone hervor, um erstmal zu twittern, zu simsen und zu mailen. Oder sie quatschen in voller Lautstärke. Die Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Zwanzigjährigen muss heute bei höchstens fünf Minuten liegen. Das wird früh und sorgsam antrainiert. Zuhause wird dem Kind das Essen in die Hand gedrückt, wenn es vor dem Fernseher oder Computer sitzt. In der Schule wird nicht mehr dafür gesorgt, dass es einen ruhigen Unterricht gibt. Vor meinem Balletttraining gab es neulich etwas, wo die Kinder alles durcheinander machten: Malen, tanzen, trommeln, hüpfen und singen. Das ganze nannte sich musikalisch-künstlerische Früherziehung. Bildhauen und Trompete hätten vielleicht noch gefehlt. Dass die Kinder zwischendurch den Raum verlassen, um anderes zu treiben, interessiert keinen. Wenn man die dazugehörigen Eltern sieht, weiß man auch, warum: Mit dreckigen Straßenschuhen latschen sie in einem Ballettsaal herum, räumen Stühle oder Matten nicht weg und hinterlassen Apfelsaftflecken und vollgerotzte Taschentücher auf dem Boden. Dieser Tage sah ich ein besonders deprimierendes Bild: Ein etwa zehnjähriges Mädchen, das auf dem Nachhauseweg von der Schule ununterbrochen auf seine Mutter einschlug, die nicht nur dessen Schultasche schleppte, sondern auch noch willfährig beim jedem Schlag Aua sagte.
Vielleicht sollte man der Göre einfach mal einen Sklaven schenken.
Bloß keine Langeweile entstehen lassen, heißt heute das pädagogische Credo. In vielen Kaufhäusern gibt es mittlerweile Kinderkinos. Die Mutter von heute kann nicht einmal mehr fünfundzwanzig Minuten in Ruhe einkaufen. Das kann man den Kindern nicht zumuten. Sie werden, wo sie gehen und stehen, mit Lärm, Farben, Reizen und Informationen zugeballert. Und wenn sie dann durchknallen, versteht man die Welt nicht mehr.
Wo ist eigentlich die gute alte Erziehung zu totaler Langeweile geblieben? Wenn die Eltern uns mal zu einem Besuch mitnahmen, wo wir zwei Stunden unsere Bedürfnisse zurückstellen mussten und es nur todlangweilige Erwachsenengespräche gab, dann war das eben so. Wir konnten in dieser Zeit unseren Gedanken nachhängen, träumen, spinnen und beobachten. Wie wichtig das war, war uns natürlich nicht bewusst. Wenn wir uns als Kinder zusammen langweilten, was selten genug vorkam, dann brachten wir eben sämtliche kreativen Kräfte hervor und ließen uns was einfallen. Wir brauchten dazu höchsten ein Seil, ein paar Bälle, Zweige oder einen Sandhaufen. Quasi wie die Neandertaler.
Der große Pionier der antiautoritären Erziehung, Alexander S. Neill, litt Zeit seines Lebens darunter, dass man seine Pädagogik so sehr missverstanden hat. Was würden Sie tun, wurde er mitunter gefragt, wenn Sie mit ihren Summerhill-Schülern ein Konzert besuchen und die langweilen sich oder lärmen dort herum? Dann würde ich sagen, halt’s Maul und geh raus, wenn’s dich nicht interessiert, hat er dann geantwortet. Wie recht er doch damit hatte.
Heute sollte Langeweile eine neue Wertschätzung erfahren: Mit ihr ließe sich der dauerzappelnde, grenz-autistische, egomanische und konzentrationsdefizitäre Nachwuchs mal wieder runter fahren. Preiswert, nachhaltig, konfessionsübergreifend, biologisch abbaubar und ganz ohne Ritalin.

Frauen sind Schweine. Na und?

Sommer 1976. In einer Illustrierten, ich weiß nicht mehr, ob Stern oder Spiegel, erscheint ein großer Bericht über den neuen Shootingstar der New Yorker Literaturszene – Erica Jong. Ihr erster Roman, „Angst vorm Fliegen“, war eine Sensation und machte sie mit einem Schlage reich und berühmt. Das, was ihr Buch so einzigartig machte, war, dass sie als Frau wiederholt das Verb „ficken“ gebrauchte und auch sonst in der Schilderung von Körperlichkeiten alles andere als zimperlich war. Man feierte sie als das weibliche Gegenstück zu Henry Miller und überschlug sich förmlich vor Begeisterung. Den Umschlag der deutschen Erstausgabe zierte ein pinkfarbener, verheißungsvoll geöffneter Frauenmund. Damals kam ich als Dreizehnjährige an diese Lektüre nicht heran; nicht mal unter der Reizwäsche meiner Mutter war sie zu finden. Ich musste erst zwanzig Jahre alt werden, um festzustellen, dass „Angst vorm Fliegen“ mit Sex nur am Rande, ja eigentlich gar nichts zu tun hatte. Man hatte für den Vorbadruck vornehmlich die Stellen herausgefischt, in denen das F-Wort stand. Sex sells. Trotzdem war es ein herrliches Buch, und Sätze wie „Deutsche Toiletten sind in Wahrheit der Schlüssel zu den Gräueln des dritten Reiches. Menschen, die imstande sind, Toiletten dieser Art zu konstruieren, sind zu allem fähig.“ oder „Die höchst unelegant gewandete Gattin des Bürgermeisters von Wien (mit einer Figur wie ein vollgeschissener Damenstrumpf)“ sind in ihrer Bissigkeit und Pointiertheit unvergesslich. Gut dreißig Jahre später erscheint Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ und löst einen ganz ähnlichen Aufruhr aus. Jetzt wurde der Roman verfilmt, mit der Schweizer Schauspielerin Carla Juri in der versifften Hauptrolle. Ich habe den Roman nicht gelesen – nach zwei Seiten im Buchladen musste ich ihn beiseite legen, weil mir schlecht wurde. Über Geschmack oder den Mangel desselben lässt sich bekanntlich streiten. Aber literarisch ist Roche ohnehin nicht mit Jong vergleichbar. Warum sieht man also einen Film, dessen Romanvorlage einen schon abgestoßen hat?

Weil mich vor allem die eigenartige Rezeption solcher Stoffe so interessiert. Jedes Mal, wenn eine Frau gewisse Worte und eventuell noch ganz anderes in den Mund nimmt, liegt die Nation quasi flach vor Staunen, dass Frauen so was wirklich tun. Das mag ja vor dreißig Jahren noch sensationell gewesen sein. Aber heute? Heute wird ein neues, prüdes Spießbürgertum gepflegt, wo man als Erwachsener von wildfremden Kindern in der Öffentlichkeit gemaßregelt wird, wenn man Scheiße sagt, während die debilen Eltern daneben stehen und strahlen vor Stolz. Die Hauptdarstellerin von „Feuchtgebiete“ soll zwar fünf Sprachen beherrschen, aber Deutsch kann nicht dazugehören, denn das nuschelt sie herunter wie eine Sechsjährige. Dennoch kann man ihr einen gewissen androgynen Charme nicht absprechen, und wenn sie demnächst Werbung für Peta macht und sich gegen den Klimawandel engagiert, steht ihr mit Sicherheit eine große Karriere bevor. Der Film ist nicht so eklig wie das Buch und beginnt gleich mit einem herzerwärmenden Zitat. Es handelt sich um den vernichtenden Kommentar eines Bildzeitungslesers zur Romanvorlage; was alle Kinobesucher schlagartig intellektuell über die bildungsfernen Schichten erheben soll. Die Handlung dümpelt so vor sich hin und besteht darin, dass eine junge Frau sich während der Behandlung ihrer Hämorrhoiden in ihren Pfleger verknallt. Obendrein leidet sie in Ermangelung echter Probleme an der Scheidung ihrer Eltern. Ansonsten ergehen sich die Bilder in der bekannten obsessiven Darstellung körperlicher Funktionen. Das ist nach einer dreiviertel Stunde grottenlangweilig, zumal sich immer wieder Traumsequenzen mit toten Hühnern und Mädchen unter Wasser wiederholen. Werke dieser Art sorgen nur für Skandale, weil immer noch idiotische sexuelle Stereotype herumspuken: Frauen und besonders junge Mädchen sollten irgendwie möglichst keusche, reine Engelchen sein, die von Sex keine Ahnung haben. Natürlich nur, bis der ersehnte Prinz kommt und ihre Sinnlichkeit wach küsst. Und Männer sind von Natur aus Schweine. Die Ärzte können ein Lied davon singen. So was steht tatsächlich auch heute noch in Sexratgebern für junge Mädchen. Und welcher Vater sähe sein kleines Mädchen so nicht am liebsten? Das ändert sich natürlich schlagartig bei Papis nächstem Puffbesuch: Die anwesenden Prostituierten als die geliebten Töchter von anderen Kerlen zu betrachten, dürfte dann wenig hilfreich sein. Aber Frauen und Mädchen sind Wildsäue, so wie Männer und Jungs auch. Einer der wenigen Sexualtherapeuten, die das wussten, war der viel zu früh verstorbene Günter Amendt. Natürlich sind Frauen in den blumigen Phantasien von Männern in der Regel auch schweinisch. In der Wirklichkeit ist Männern das wahnsinnig peinlich. Deshalb hat man es auch als Frau so schwer, in einer Männerunde schweinöse Witze zu erzählen. Und das ist schade, denn die sind nicht nur versaut, sondern auch saukomisch. Ich habe dreißig Jahre lang fast ausschließlich täglich mit Frauen zusammengearbeitet. Daher ist mein einschlägiges Witzrepertoire reichhaltig. Kennen Sie den?

Ein maskierter, bewaffneter Mann überfällt eine Samenbank. Er zwingt die anwesende Laborantin, den Behälter mit den Spermaproben zu öffnen und eine davon runter zu schlucken. Dann noch eine.Nach der Dritten fragt die Laborantin entnervt: „Zufrieden? Können Sie mir jetzt mal bitte verraten, was dieser Blödsinn soll?“ Daraufhin reißt der Mann sich die Skimütze vom Kopf und sagt triumphierend: „Na Bitte! Geht doch, Sandra!“