Wenn Motorheads beten müssen

Als ich das erste Mal hörte, dass in der Hamburger Michaeliskirche einmal jährlich ein Motorradgottesdienst stattfindet und es sogar Menschen gibt, die diesen besuchen, dachte ich noch, dass es sich nur um einen Scherz handeln könne. Aber es ist wirklich wahr. Es gibt alle Jahre wieder einen Gottesdienst für Motorradfahrer. Und es gibt Menschen, die diesen besuchen. Mit ihren Motorrädern, selbstverständlich. Ich weiß nicht genau, ob da gesungen wird, ob er vor der Kirche oder in der Kirche stattfindet, ob die Maschinen mit Weihwasser besprengt werden oder ob der Pastor in Vollleder von der Kanzel schwafelt. Es ist mir auch völlig egal, so wieder jeder Gottesdienst jedweder religiösen Ausrichtung. Aber was mir nicht egal ist, das ist, das alle Hamburger gezwungen sind, an der Absegnung der immer so liebevoll Biker genannten motorisierten Ansammlung von tätowierten, haarigen, übergewichtigen Vollpfosten mit einem IQ von minus fünfzig vierundzwanzig Stunden lang teil zu haben, ob es ihnen passt oder nicht. Umweltschutz, Lärmbelästigung, Energieersparnis, Klimaschutz, alles auf einmal scheißegal. Einen ganzen Tag lang ist die halbe Stadt abgesperrt, weil die Motorheads beten müssen.

Wenn deutsche Spießer glücklich sein wollen, trinken sie Bionade, grillen im Kleingarten, kaufen alle zwei Jahre ein Energiesparauto –  und fahren Motorrad. Weil der Mythos lebt. Easy Rider. Born to be wild. Sie halten sich für Peter Fonda  und Dennis Hopper. Dabei sind sie in Wirklichkeit Reiner Calmund und Cindy aus Marzahn. Sind sie erstmal mit dem Segen und im Auftrag des Herrn unterwegs, kann ihnen nichts mehr passieren. Einmal nach dem Bikergottesdienst habe ich das erlebt. Stadtauswärts überholte mich im Überholverbot eine Motorradfahrerin mit hundertzwanzig, wo fünfzig erlaubt war. Als ich die Spur wechselte, knallte sie um ein Haar auf mein Auto, bretterte auf Grund der stark überhöhten Geschwindigkeit bei Rot über die Ampel und machte dort eine Art Salto über ihren Lenker. Schon stand sie neben mir und sagte, ich hätte den toten Winkel nicht eingesehen, während die anderen Autofahrer erregt die Scheiben herunterkurbelten und im Chor brüllten, sie könnten mühelos bezeugen, dass sie bei völlig überhöhter Geschwindigkeit im Überholverbot überholt und außerdem ein Rotlicht überfahren hätte.

Wenn der „Mogo“ beginnt, dürfen sich die Hanseaten ab den frühen Morgenstunden über den infernalischen Lärm all der Auspuffrohre mit ausgebauten Schalldämpfern freuen, die man schon hört, wenn sie im Osten in den Horner Kreisel einfahren und der erst abebbt, wenn sie ihre Räder zu Füßen des grünen Michels abschalten. Polizisten sind auch nur Menschen. Sie suchen sich gern ihre Gegner aus und es ist viel, viel leichter, eine zwölfjährige Blondine in der Fußgängerzone vom Rad zu holen, als einem hundertzwanzig Kilo schweren Harleyfahrer zu befehlen, gefälligst seinen Schalldämpfer wieder einzubauen. Leider machen sie nicht so süße Geräusche wie in den Werner-Comics: Goller, Dröhn, Dazwöck, Dazwöck. Nein, sie machen richtigen Lärm, richtige Abgase, richtigen Gestank. Dass sie damit ihre Mitmenschen zu Tode nerven, kommt den Bikern nicht in den Sinn. Schließlich sind sie die Geilsten. Und in der Tat, es gibt kaum etwas, was schöne Frauen mehr anmacht, als alte Säcke mit Gesichtsmatratze, denen die Bierwampe zwanzig Zentimeter tief über die uralte, verspeckte Lederhose hängt. Ein Übriges tut die maskuline Körperhaltung, die beeindruckend der eines Rentners mit Diarrhöe ähnelt. Nicht umsonst wird der fahrbare Untersatz ja auch gern die „Schüssel“ genannt. Erinnert mich stark an uns damals in den Siebzigern, mit unseren aufgemotzten Bonanzarädern komplett mit Bananensattel und Waschbärenschwanz. Wir hatten allerdings eine gute Entschuldigung: Wir waren erst acht Jahre alt. 

Notfallmediziner können bestätigen, dass Bikerunfallpatienten, denen man ein Bein und einen Arm amputieren musste, als erstes eine Motorradzeitschrift in die verbliebenen drei Finger nehmen. Warum tun sie so was? Ist Motorradfahren eine neurotische Zwangsstörung, so wie Waschzwang oder Bulimie? Ja, unbedingt. Das ist mir klar geworden, als ich einmal mit einer hinkenden Frau bei der Krankengymnastik ins Gespräch kam. Sie hatte gerade den zweiten schweren Motorradunfall hinter sich. Ebenso ihr Mann und Ihr Sohn. Die ganze Familie ist schwerbehindert. Biken sei ihr ganzes Glück. Wenn sie das nicht mehr könnten, wollten sie nicht mehr leben. Wenn sie so weitermachen, werden sie das bestimmt schaffen.

}

Advertisements

4 Gedanken zu „Wenn Motorheads beten müssen

  1. Liebe Frau Sievers,

    nein, man muss sie nicht mögen, diese 120 Kilo Männer mit Bierwampe, die mit lauten Motorrädern zum Motoradgottesdienst fahren. Man muss auch Teilnehmer von GTI Treffen nicht mögen. Nun aber die Fakten: Vielleicht ist Ihnen entgangen, dass Motorräder grundsätzlich genausowenig stinken oder nicht stinken wie PKWs und dabei weniger Sprit verbrauchen und auch weniger Verkehrsraum belegen, sowie Straßen um ein vielfaches weniger abnutzen als Autos. Verkehrsrowdys sind auch unter marathongestylten, links fahrenden Managertypen in vollklimatisierten Limousinen zu finden. Der Begriff „Kavalierstart“ an Ampeln wurde sicher nicht angesichts beschleunigender Zweiradfahrer geprägt. Auch liest man auch hin und wieder von Autofahrern, denen das Schicksal ereilt, im Krankenhaus zu landen. Als motoradfahrender, libertär denkender, Achse lesender und selbst haftender Kleinunternehmer mit Großfamilie kann ich aber Ihnen Ihren kleinen Horizont verzeihen, zumal ich die Maschine heute noch belade um die Hohe Tatra eine Woche damit zu bereisen. Dort werde ich mit meinem Motorrad sicher um einiges freundlicher empfangen als heute von Ihnen hier verabschiedet. Ach ja: Ich bin zwar nicht der Meinung, dass CO2 das Klima beeinflusst aber deutlich weniger CO2 als mit dem Wohnmobil werden meine Frau und ich mit dem Bike schon produzieren. Apropo IQ. Ich denke, dass ich den des durchschnittlichen PKW Fahrers schon erreiche.

  2. Dem Artikel kann ich fast völlig zustimmen, allerdings nur fast. Ich fahre mein Leben lang leidenschaftlich Motorrad und beschraube meine Untersätze selbst. Zum Spass gurke ich nicht herum sondern erledige Fahrten, die Andere mit dem Auto unternehmen, bei jedem Wetter mit meinen alten BMWs. Pro Jahr kommen so etwa 12.000 KM zusammen. Ich bezeichne mich als Motorradfahrer und lächle nur über die überwiegende Anzahl der „Biker“.Diese Anrede fasse ich als Beleidigung auf. Im Geiste bin ich bei den Fahrern der 50er und 60er Jahre und meine 800erter mit 50 PS ist für mich ein Superbike, welches ersteinmal beherrscht werden muss.
    Meine Klientel ist mittlerweile sehr gering geworden, um nicht zu sagen so gut wie garnicht mehr zu finden. Trotzdem, es gibt uns. Deshalb bitte ich darum, nicht alle Zweiradler als Wochenendbiker anzusehen und zu pauschalisieren.

  3. Das große Problem in HH ist nicht eine Veranstaltung wie der Mogo, sondern die Schieberei von Blechkisten durch das Stadtgebiet, auch bei schönstem Wetter und kurzen Strecken. Ganze Stadtteile sind verstopft und unattraktiv, der Autoverkehr verdrängt alles. Als Rennradfahrer sah ich mich irgendwann gezwungen, aufs Motorrad auszuweichen, da ich nicht länger mit 30 Sachen zwischen Fußgängern durchkurven und von Abbiegern abgeschossen werden wollte, während auf der Fahrbahn die Lenker der überbreiten Dosen nerven. Bis es flächendeckend Radspuren auf der Fahrbahn gibt und der Schwachsinn mit diesem zum Großteil überflüssigen Autoverkehr aufhört, fahre ich ein leises und sparsames Motorrad. Für die wenigen Wochen im Jahr, an denen man wg. Schnee und Eis nicht fahren kann, gibts den ÖPNV.
    Überlaute Harleys nerven übrigens auch sehr viele Motorradfahrer. Ich bin selbst beim letzten Mogo mitgefahren, mir klingelten die Ohren. Trotzdem ein lächerlich geringes Problem im Vergleich zum Auto, dem Stadtzerstörer Nr. 1.

  4. Klasse, Frau Sievers. Ich als Hamburger meide die City an solchen Tagen.
    Und die Kirche… hat sie nicht auch die Waffen vor Kriegseinsätzen „gesegnet“? Hat der Pfarrer im Ort, in welchem Michael Schumacher wohnt, die Glocken seiner Kirche läuten lassen, als Schumacher irgendwo als erster im Kreis fuhr?

    Ich rief übrigens neulich meinen Pastor an und brauchte Hilfe. Er hat sie mir verweigert, weil er sich nicht einmischen wollte.

    Irre, was heute alles verboten wird. Warum eine Stadt sich so ein Kinderkram antut ist nur mit der um sich greifenden Verblödung zu erklären.
    Und zur Kirche: Gucken Sie sich mal den Fuhrpark am Sonntag vor der Kirche an. Warum fahren die „Christen“, die dort hingehen, nicht alte Fiats und geben die ersparten 40 – 80 000€ den Armen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s