Man-Booker-Prize-Gewinnerin Hilary Mantel

Preise und Auszeichnungen besagen heute nicht viel. Man denke nur an den Integrationspreis für Bushido oder den Friedensnobelpreis für den amerikanischen Präsidentendarsteller. Wer allerdings zweimal den englischen Literaturpreis namens Man-Booker-Prize abräumt, so wie Hilary Mantel, der kann schreiben. Und wie! In der vorstellbar kürzesten Zeit habe ich die Romane „Wolf Hall“ und „Eight Months on Ghazzah Street“ verschlungen wie zwei Schachteln Hachez Pralinés. Wobei Wolf Hall mit annähernd siebenhundert kleinst bedruckten Seiten die 500 g Packung darstellt. Wolf Hall ist ein historischer Roman über einen Teil der englischen Geschichte, der die Menschheit bis heute nicht loszulassen scheint: Die englische Renaissance, Die Tudors, Heinrich VIII. und seine sechs Frauen.

Frei von allem Kitsch á la nächste-Woche-ist-wieder-Mittelaltermarkt und dem Groschenroman-Niveau der derzeitig ungeheuer beliebten Historienschinken mit wandernden Huren und blutigen Hebammen, beschreibt Wolf Hall die Geschehnisse um Aufstieg und Fall des Rechtsgelehrten Thomas Cromwell zum wichtigsten Mann am Hofe Heinrichs des Achten. Er beschreibt die Umwälzungen im Zuge der vom Papst verbotenen Scheidung des unberechenbaren Königs von Katharina von Aragon und seiner Heirat mit Anne Boleyn, die zur Folge hatte, dass England protestantisch wurde und Köpfe rollten wie anderswo Bowlingkugeln. Eine leichte Lektüre ohne größere Eigenbeteiligung ist das Werk nicht gerade: Allein das Register der auftretenden Personen erfasst über hundert Namen und selbst mit sehr guten Englischkenntnissen muss man oft zum Wörterbuch greifen. Aber keine Sorge, die deutsche Ausgabe „Wölfe“ ist genauso gut, und die Fortsetzung „Falken“ ist gerade als Hardcover erschienen. Wer von den Tudors nicht genug kriegen kann, der gedulde sich, bis auch „Bring up the Bodies“, der dritte Teil, auf Deutsch erschienen ist.

Das Buch ist frei von der entnervenden Pädagogik, die häufig deutschsprachige Geschichtsromane durchzieht. Nicht grundlos, denn viele historische Romane werden von Historikern verfasst und lesen sich prompt wie Geschichtsbücher. Dieses Gefühl, man stünde neben den handelnden Personen und erlebte die Zeit des Geschehens mit der gleichen Intensität, hatte ich zuletzt bei Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Wichtige geschichtliche und politische Ereignisse werden bei Mantel nicht auf nervtötende und die Handlung unterbrechende Weise erklärt, sondern tauchen wie nebenbei in den Dialogen der Charaktere auf; im Kneipengespräch von Knechten und Handwerkern; an den mit edelstem Tischgerät besetzten Tafeln der Paläste. Die zentrale Frage, mit der das englische Königreich steht und fällt, nämlich ob Anne Boleyn einen Thronerben gebären wird oder nicht, wird ganz beiläufig dadurch gestellt, dass Lady Mary Carey erwähnt, sie hätte die Mieder ihrer Schwester noch nicht auslassen müssen.

Mantel arbeitet durchweg mit einer gänzlich unprätentiösen Sprache und sehr dichter Atmosphäre. Das zeigt sich besonders in Eight Months on Ghazzah Street (bisher nur im Original erhältlich), einem vollkommen anderen Genre: Eine Frau folgt ihrem Mann, einem Architekten, für acht Monate nach Saudi-Arabien. Ihre Erlebnisse werden teils erzählt, teils von der Protagonistin in Tagebuchform festgehalten. Der in den achtziger Jahren geschriebene Roman befasst sich lange vor 9/11 mit dem Clash of Civilizations, den Gefahren der Islamisierung und der Rückständigkeit des Lebens im islamischen Gottesstaat. Mantel braucht weder scharfsinnige Analysen noch umständliche Erklärungen. Die Beschreibung des ersten Kontakts mit dem Land reicht vollkommen: „The Date is 2 Muharram, by the Hijra calendar, and the evening temperature is 88°F; the year is 1405.”

Die von Anfang an bedrückende, ja bedrohliche Atmosphäre in einer Welt, in der Frauen aus der Öffentlichkeit verschwunden sind und hinter verschlossenen Türen in vollklimatisierten Wohnungen ein gänzlich leeres Leben in ewiger Eintönigkeit führen, beschreibt sie meisterhaft anhand der Begegnung mit einer riesigen Kakerlake. Jawohl, einer Kakerlake. Sie ist das erste lebende Wesen, was sie in ihren Saudi-arabischen vier Wänden zu sehen kriegt, und sie erschrickt nicht wenig vor dessen Größe. Nach etlichen einsamen Stunden ist sie beinahe froh, als der Käfer sich im Wohnzimmer zeigt – endlich ein anderes Lebewesen. Tage später, nach den ersten Gerüchten über Enthauptungen, Steinigungen und Morde an ausländischen Arbeitskräften tragen Ameisen den Körper des toten Insektes prozessionsartig zu Grabe … Eine andere Szene:

Ein Kind, das seine kleinen, zarten Fingerchen wie eine Pinzette gebraucht, um seiner Puppe die Haare auszureißen, das der Puppe mit einem Ruck den Kopf abreißt. Physische Gewalt ist in Mantels Romanen durch geschickte Bildersprache gänsehauterregend greifbar. Diese beiden erzählerischen Meisterwerke sind unterhaltsam, spannend, beredt und äußerst düster. Bisweilen sogar quälend düster. Wie das richtige Leben.

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